Das Murmeltier mit dem Halsband
Tagebuch eines Philosophen

Teil II - Trauermond
Zweiter Sommer

M.02.07.01.01 / M.147 - M.02.07.03.04b / M.163

SPRACHE

Deutsch

Neumond

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Erster Tag

M.02.07.01.01 / M.147

Alles ist gut abgelaufen. Kein Zwischenfall störte meine Reise. Kaum angelangt, machte ich mich an die Arbeit. Ich brauchte acht Tage, um diesen Bau zu vollenden. Es gibt keinen größeren, bequemeren, tiefern und sichereren im ganzen Tal. Der Eingang dazu befindet sich gleich unterhalb der Felsen; er ist durch ein Taxusbusch verdeckt. Das Regenwasser kann ihn nicht erreichen, weil der Fels überhängt. Ich benützte dies, um meinen Bau sofort eine starke Neigung zu geben. Er führt sechs Murmeltierlängen tief. Dann zwängt er sich zwischen zwei Blöcken durch, die ihn genug verengen, um den Durchgang auch einem Hunde der allerkleinsten Rasse unmöglich zu machen. Hierauf setzt sich der Gang horizontal noch fünf Murmeltierlängen fort, um in ein sehr geräumiges Gemach zu münden. Diesen Raum mußte ich nicht einmal selbst graben; es war eine natürliche Höhlung. Ich begnügte mich damit, dort reichlich Erde aufzuhäufen, um die Unebenheiten des Bodens auszugleichen. Ein Sicherheitsstollen führt mitten durch ein Labyrinth von Wurzeln und Blöcken. Ich hatte viel Mühe, ihn zu graben; immer wieder gab es ein neues Hindernis. Seine Linie ist durch mehrere scharfe Ecke gebrochen. Auch er mündet schließlich am Fuß der Felsen wie der erste, aber auf der andern Seite eines großes Steinblocks. Man kann von einer Öffnung zur andern kaum anders als auf unterirdischem Wege gelangen. Ich mauerte den Sicherheitsstollen zu wegen des Luftzuges; bei der geringsten Gefahr jedoch kann ich ihn in wenigen Augenblicken öffnen.

 

Ein solcher Bau ist eine Festung.

 

Ich fand beim Graben einige Schieferplatten.

Zweiter Tag

M.02.07.01.02 / M.148

Heute begann ich mit meiner Heuernte. Ich riß Gras und Moos aus und breitete es unter den Felsen in der Sonne aus.

 

Das Wasser, das längs dieser Felsen heruntersickert, einige Schritte von meinem Bau, ist viel schlechter als die Schwarzmoosquelle. Groß ist auch der Unterschied zwischen den Gräsern dieser Gegend und meinen Goldkleeblüten.

Dritter Tag

M.02.07.01.03 / M.149

Der Saal, den ich mit Heu ausstopfe, könnte zehn Murmeltiere fassen. Wenn ich ihn hätte graben müssen, hätte ich ihn dann kleiner gemacht?... Es ist nicht sicher, daß ich die Lange Nacht allein verbringen werde. Wenn ich ein erstarrtes Murmeltier zwischen meine Pfoten nehmen kann, könnte ich es dann nicht auch bis hierher tragen? Oder gar zwei?

Fünfter Tag

M.02.07.01.05 / M.150

Bald bin ich mit der Arbeit zu Ende, und das ist gut, denn ich habe einen blutigen Gaumen. – Es ist eine unangenehme Art des Tragens, die wir unter uns Murmeltieren von Generation zu Generation lehren. Wir stopfen den Mund voll Heu, um ihn in unserem Bau wieder zu entleeren… Das geht noch zur Not mit dem Heu dort oben, aber dieses hier ist zu grob.

Sechster Tag

M.02.07.01.06 / M.151

Die Menschen sind weg! Ich höre nichts mehr als das Rauschen des Wildbachs.

 

Ich habe nicht nur den Schlafraum, sondern auch die Stollen mit Heu ausgefüttert. Ich will warm, sehr warm haben. Darum habe ich Türen aus Schiefern gemacht. Ich glaube gerüstet zu sein.

Siebenter Tag

M.02.07.01.07 / M.152

Ich habe eine herrliche, eine heroische Idee! Ich werde Stechpalmenblätter unter das Heu meines Schlafraumes mischen. Sie werden mich zur Wachsamkeit aufstacheln.

Erstes Viertel

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Zweiter Tag

M.02.07.02.02 / M.153

Ich brauchte zwei Tage angestrengten Nachforschens, um eine Stechpalme zu finden. Ich brachte zwei mit Blättern bestandene Zweige zurück.

Dritter Tag

M.02.07.02.03 / M.154

Diesen Tag brachte ich damit zu, die Stechpalmenblätter geschickt zu verteilen. Ich kann in meinem Schlafraum aufrecht stehen, ohne meine Füße zu verletzen; aber ich kann nicht umfallen, ohne daß das ganze Gewicht meines Körpers auf die spitzzackigen, stechenden Blätter zu liegen kommt. Wenn ich mich vom Schlafe der Erstarrung bedroht fühle, werde ich ihn in meinem Schlafraum erwarten. Bis dahin wird mir ein ganz kleines Gemach im Stollen, das ich mir heute grub, genügen.

 

Diesmal bin ich bereit.

Vierter Tag

M.02.07.02.04 / M.155

Diesen armen Schneehasen kann ich nicht aus dem Gedächtnis tilgen. Und trotzdem ist es gut, daß er tot ist. Ich hätte nicht gewußt, wie ihm die Bitte abschlagen, mit ihm sein Lager zu teilen. Es wäre kalt bei ihm gewesen. Meine gegenwärtigen Maßnahmen sind wohl überdacht. Jedes andere System würde versagen. Bedeutet dies übrigens nichts, den Ruhm der Entdeckung nicht teilen zu müssen und sein Unterfangen ganz aus eigenen Kräften zum guten Ende zu führen? Warum kann der Hase nicht am Tage nach der Langen Nacht auferstehen? Was für eine Freude würde es mir machen, ihm diesen Bau zu beschreiben, mein mit Steckpalmenblättern vermischtes Heu, meine Reise, die ich unternehmen will, und das, was ich dort oben im Lande der Schlafenden finden werde! Welches Vergnügen würde es mir bereiten, ihm meinerseits vom Winter zu erzählen als der Philosoph, der nicht geschlafen hat.

Fünfter Tag

M.02.07.02.05 / M.156

Letztes Jahr zu dieser Jahreszeit sah ich die Sonne nicht mehr. Von hier aus sehe ich sie noch mehrere Stunden im Tage.

Sechster Tag

M.02.07.02.06 / M.157

Das Wetter ist schön. Die Lange Nacht läßt auf sich warten.

 

Es gab Lärm im Tale oben. Die Hunde bellten, und der Donner der Jäger grollte über die Berge.

 

O Unheil! Jetzt ist nicht der Augenblick, die Berge zu entvölkern.

Siebenter Tag

M.02.07.02.07 / M.158

Die Temperatur sank plötzlich. Ich führte einen Erkundigungsstreifzug aus, um zu erfahren, was vorgeht. Die Murmeltiere verstecken sich. Ich nehme an, daß die meisten gerade dabei sind, ihren Bau zu vermauern.

Vollmond

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Erster Tag

M.02.07.03.01 / M.159

Ein sichtlicher Wetterumschlag. Reichlicher Schneefall. Gestern abend waren die Gipfel noch ohne Schnee. Heute morgen lag er sogar in der nächsten Nähe meines Baues schon gut zweimal so hoch wie ich. Ich fühle mich jedoch nicht schläfrig. Es fährt fort zu schneien.

Zweiter Tag

M.02.07.03.02 / M.160

Es schneit immer zu.

Dritter Tag

M.02.07.03.03 / M.161

Immer noch Schnee. Die Ungeduld zehrt an mir. Ich habe glücklicherweise kein Schlafbedürfnis.

Vierter Tag

M.02.07.03.04a / M.162

Ich war durch den Schnee während dreier Tage und dreier Nächte in meinem Bau festgehalten. Der Wind jagte die Flocken in tollen Wirbeln daher! Legionen von Murmeltieren könnte er begraben. Heute zeigt sich der Himmel in großen blauen Fetzen zwischen grauen Wolken. Wenn man kein Mißgeschick verfolgt, so muß sich in dieser Nacht alles entscheiden. Die Wolken werden sich bei sinkender Sonne zerstreuen, Die Oberfläche des Schnees wird hart werden. Ich will meine Wanderung sofort beim Aufgehen des Mondes antreten.

 

Es ist offensichtlich, daß bereits alles in den Bergen schläft. Ich allein schlafe nicht. Ich spüre wohl das bekannte Sausen in den Ohren und die kalten Schauer über den Rücken. Die Hinterbeine beginnen schwer zu werden; aber ich brauche noch nicht gegen den Schlaf anzukämpfen. Alles ist klar in meinem Hirn, und ich kritzle mit der rechten Pfote munter und vergnügt drauflos.

 

Mit diesem Schnee hatte ich nicht gerechnet. Was schadet’s? Es gibt mindestens zwei Baue, deren Lage ich genau kenne, um sie ohne vieles Herumsuchen zu finden. Der erste befindet sich unter einer Granitpyramide, die noch nie vom Schnee zugedeckt wurde. Ich kann in einer Stunde dort sein, wenn der Schnee trägt. Einmal am Ort, muß ich einen Stollen graben.

 

Nichts wird lustiger sein, als auf der Rückkehr solch eine steifgefrorenes Murmeltier über den Abhang hinunterrutschen zu lassen. Es wird von allein herunterrollen, und ich werde nur verhindern müssen, daß es zu schnell rutscht. Wer weiß, wenn der Schnee mir hilft, so kann ich eine ganze Familie studienhalber entführen. Ich sehe sie schon purzeln.

Am selben Abend

M.02.07.03.04b / M.163

Heute, am vierten Tag des Vollmonds, will ich aufbrechen, um den im Schnee des Hochgebirgs begrabenen, erstarrten Murmeltieren einen Besuch abzustatten.

 

Ich warte auf das erste Mondlicht, um mich auf die Wanderung zu begeben. Es wird nicht lange auf sich warten lassen. Es beleuchtet schon die Gipfel.

 

Der Himmel ist wundervoll, gänzlich ohne Wolken. Die Luft ist ruhig, und der Schnee trägt; aber es ist nicht sehr kalt. Ich fühle mich in bester Laune, voll Eifer und Hoffnung. Ich habe Mühe, zu begreifen, wie man in einer solchen Nacht schlafen kann.

 

Die Stunde ist feierlich. Die Götter mögen mir helfen!

E. Rambert: La marmotte au collier (1889)

übers. A. Graber: Das Murmeltier mit dem Halsband (1929)

The Marmot with the Collar
A Trilingual Edition

Part 02.07 (Deutsch)

Richard L. Hewitt
Kamuzu Academy, Malawi

2020