Das Murmeltier mit dem Halsband
Tagebuch eines Philosophen

Teil I - Kleemond
Erster Sommer

M.01.04.04.01 / M.001 - M.01.04.04.04 / M.003

SPRACHE

Deutsch

Letztes Viertel

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Erster Tag

M.01.04.04.01 / M.001

Heute lege ich das Gelübde ab, mich gänzlich der Philosophie und dem Studium der Rätsel unseres Daseins zu widmen. Ich bitte die Götter, mir die Kraft zu veleihen, diese Verpflichtung einzuhalten, die ich vor ihnen und mir eingehe. Ich bitte sie auch, mir die notwendige Schärfe des Verstandes und die Beharrlichkeit zu schenken, um so große Probleme ergründen zu können.

Zweiter Tag

M.01.04.04.02 / M.002

Ich glaube der Gesellschaft kein Unrecht anzutun, wenn ich die drei oder vier Jahre, die mir nach dem gewöhnlichen Verlauf der Dinge noch zum Leben bleiben, in ehrbarem Zölibat verbringe. Während der fünf Ehejahre war meine Frau das Glück meines Lebens bis zu jenem verhängnisvollen Ereignis, das uns trennte. Ich war fünfmal Familienvater; meine dreiundzwanzig Kinder, meine Enkel und meine Urenkel reihen mich ein in die Zahl derer, die ihre Pflicht gegenüber der Gesellschaft erfüllt haben.

 

Es ist übrigens nicht meine Schuld, wenn ich mich zurückziehe. Man zwingt mich dazu. Man empfing mich wie einen Übeltäter. Das Halsband, das ich trage, wurde zu meinem Fluch. Meine alten Nachbarn, meine Freunde, meine Kinder wollten mich nicht mehr kennen. Die Gesellschaft verfolgt mich. Ich bin quitt mit ihr.

Vierter Tag

M.01.04.04.04 / M.003

Ich habe nicht die Hoffnung, daß die Frucht meiner Beobachtungen und Überlegungen je jemandem nützlich sein könne. Die gelehrten Murmeltiere werden von Tag zu Tag seltener. Man lebt heute nur noch, um zu spielen und um sich zu zerstreuen. Ich faßte aber dennoch den Entschluß, ein Tagebuch über meine Gedanken, Taten und Handlungen zu schreiben. Was für die heutige Generation kein Interesse hat, wird vielleicht für die Murmeltiere der Zukunft wichtig sein. Unsere Vorväter hatten von den Greisen ihrer Zeit vernommen, daß die Murmeltiere einst ein mächtiges Volk bildeten, das den Wissenschaften und den Geistesspielen freundlich gesinnt war. Was aber einmal war, warum sollte das nicht wieder werden? Wenn diese Hoffnung sich erfüllt, werden unsere Nachkommen es gerne vernehmen, was einer ihrer Vorfahren dachte.

E. Rambert: La marmotte au collier (1889)

übers. A. Graber: Das Murmeltier mit dem Halsband (1929)

The Marmot with the Collar
A Trilingual Edition

Part 01.01 (Deutsch)

Richard L. Hewitt
Kamuzu Academy, Malawi

2020