Das Murmeltier mit dem Halsband
Tagebuch eines Philosophen

Teil I - Trockenmond
Erster Sommer

M.01.05.01.01 / M.004 - M.01.05.04.07 / M.020

SPRACHE

Deutsch

Neumond

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Erster Tag

M.01.05.01.01 / M.004

Ich bin seit einigen Tagen damit beschäftigt, mich einzurichten; es ist eine ziemlich langwierige Arbeit.

 

Ich wählte diese Terrasse zu meinem ausschließlichen Wohnsitz. Sie liegt zwischen zwei hohen Felswänden, zwar auf der Schattenseite; aber sie macht diese Unzulänglichkeit durch manche Vorteile wieder gut. Ich sah niemals weder Mensch noch Hund bis hierher steigen, und bis jetzt hat auch nie ein Murmeltier an diesem Orte gewohnt. Wenn ich den Frieden hier nicht finde, finde ich ihn nirgends. Die Böschung am Fuße der Felsen ist zum großen Teil aus Schieferplatten mit einem kristallinischen Korn gebildet, die eigens dafür gemacht scheinen, um mir als Tafeln zu dienen. Sie sind fast so dünn wie Enzianblätter und dabei doch dauerhaft. Dazu kann man mit der Kralle ohne allzu große Mühe die Fläche ritzen.

 

Hier oben gibt es wieder Bäume noch Sträucher mehr, aber an Blumen fehlt es nicht, hauptsächlich in einem felsigen Tälchen, das von einem Bach durchflossen wird. Große aufgetürmte Steinblöcke am Rande des Abgrundes bilden Schrunden, die immer kühl sind. Hier befindet sich mein Bau. Ich muß nur aus einer Spalte, in deren Hintergrund der Eingang versteckt liegt, heraustreten, um das ganze Tal überblicken zu können. Kein Murmeltier, keine Maus kann ihre Schnauze heraustrecken, ohne daß ich sie sehe.

 

Ich stellte einen genügend großen Bau her, um die Lange Nacht verbringen zu können. Ziemlich nahe bei der Offnung, nach etwa zwei Murmeltierlängen, teilt sich der Stollen. Eine sehr kurze Abzweigung setzt sich in gerader Richtung fort und mündet in einen geräumigen Saal, in den das Licht dringt, und in dem ich meine Schiefertafeln aufbewahre. Der Hauptstollen gräbt sich tiefer in den Berg ein. Er mißt mindestens zehn Murmeltierlängen und führt zu einem kleinen Gemach, das für ein einzelnes Murmeltier berechnet ist. Dies ist mein Schlafzimmer.

Dritter Tag

M.01.05.01.03 / M.005

Nun bin ich fertig eingerichtet. Ich legte mir einen reichlichen Vorrat an Schiefern zu; und eine Lage von auserlesenem, trockenem Gras bedeckt den Boden des Schlafraums. Von heute an kann ich mich rückhaltlos dem Forschen nach der Weisheit hingehen. Wenn ich daran denke, hüpft mein Herz vor Freude.

Vierter Tag

M.01.05.01.04 / M.006

Ich muß, trotzdem ich die Gedanken jedes Tages aufzeichne, auch alles niederschreiben, dessen ich mich hinsichtlich der Umstände meiner Gefangenschaft erinnere. Das ist keine Kleinigkeit, das gibt Arbeit für die Kralle für mehr als einen Tag, doch mit Hilfe der Götter werde ich damit zu Ende kommen.

 

Ich entsinne mich sehr deutlich – es ist meine letzte Erinnerung vor der Katastrophe –, daß wir uns in das Heu kauerten wie gewöhnlich am Vorabend der Langen Nacht. Nachbarn waren gekommen mit der Bitte, sie mit uns verbringen zu dürfen; aber wir hatten abgelehnt. Meine Frau liebte diese Ansammlungen nach Stämmen nicht. Wir schliefen also im Familienkreise ein, behutsam zu Knäueln gewickelt, den Kopf auf der Brust und die Hinterpfoten an den Ohren. Meine Frau lag auf der einen Seite, ich auf der andern, dazwischen unsere vier Kinder, die Familie des Jahres.

 

Wie lange schliefen wir? Ich weiß es nicht und werde es voraussichtlich auch nie erfahren. Eins aber ist gewiß. Ich schlief mit all den Meinigen ein und erwachte allein an einem sehr weit entfernten Ort inmitten von häßlichen Menschen.

Fünfter Tag

M.01.05.01.05 / M.007

Das Geheimnis dieses Abenteuers ist erschreckend. Es kann ja jedem geschehen, daß er in die Hände seiner Feinde fällt und eine grausame Behandlung erdulden muß. Die Geschichte der Murmeltiere hat hierfür Beispiele genug. Aber bei sich zu Hause einschlafen und in einem andern Lande bei den Menschen erwachen und nicht wissen, wie man diese Reise unternommen hat: das macht jede Vorstellung zuschanden.

Siebenter Tag

M.01.05.01.07 / M.008

Wir erwachen langsam nach der Langen Nacht. Nur allmählich öffnen wir die Augen, spitzen die Ohren, erkennen die Gegenstände. Diese ersten Lichtschimmer sind köstlich, wenn man von seiner Frau und seinen Kindern umgeben ist. Aber niemand kann sich eine Vorstellung davon machen, wie ein solches Erwachen wird, wenn man bei jedem neuen Augenaufschlag unbekannte Dinge erblickt, wenn man mit jeder neuen Helle übelwollende Wesen um sich spürt. Dann bedeutet es die allergrausamste Qual, nicht auf einmal erwachen zu können, sondern sich erst nach und nach dem Schlaf der Langen Nacht entwinden zu müssen. Das Entsetzliche ist da, man will fliehen und kann nicht.

Erstes Viertel

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Zweiter Tag

M.01.05.02.02 / M.009

Ich bin entschlossen, die Ruinen unseres alten Baues eingehend zu untersuchen. Ich wollte gestern hinabsteigen, doch der Regen hieß mich umkehren. Das Wetter wird immer trostloser. Kritzeln wir!

 

Es ist mir nicht möglich, im einzelnen zu beschreiben, was ich damals erblickte, als ich gänzlich wach geworden war. Ich sah nur ein paar Hauptsachen. Der Ort, wo ich war, mußte sich im Innern einer Hütte befinden, ähnlich jenen, die man von hier aus sieht, nur größer. Ich lag der Länge nach hingestreckt auf einer Steinplatte am Fuße der Mauer. Zu meiner Seite brannten und knisterten ausgretocknete, noch mit ihren Nadeln besetzte Tannenäste. Es war, wie wenn der Blitz sie in den Wäldern entzündet hätte. Man hat hie und da Menschen auf diese Art Feuer machen sehen in den Bergen. Es ist ein Geheimnis, das sie besitzen. Dieses Feuer verbreitete eine große Helligkeit und eine außerordentliche Hitze. Der Rauch verflüchtigte sich durch eine Art von großem, schwarzem Stollen. Um den Stein herum stand eine Anzahl Menschen. Es waren beide Arten vertreten: solche, die ihre beiden Beine unter einem flatternden Fell verbergen, und solche, die sie getrennt umhüllen mit engen Futteralen. Ich erblickte hinter ihnen Dinge am Boden und an den Wänden, von denen wir keine Ahnung haben, aber ich konnte sie nur flüchtig sehen, denn meine ganze Aufmerksamkeit war auf diese barbarischen Menschen gerichtet. Sie betrachteten mich und besprachen sich lärmend, besonders die Kleinen. Oh, die Augen der Menschen! Glücklich, wer sie nur von ferne gesehen hat.

 

Meine erste Bewegung war, mich durch Emporklettern in den Rauchfang zu flüchten. Ich merkte aber, daß ich am Hals gepackt wurde. Ich trug dieses Halsband. Man hatte eine starke Faser daran befestigt, einen dicken Spinnenfaden, den ein Mensch am andern Ende hielt. Der Mensch ließ mich erst die ganze Länge der Faser aufwärts klettern; dann riß er mich durch einen kräftigen Ruck herunter. Der Gedanke kam mir, die Faser zu durchbeißen. Aber jedesmal, wenn ich den Kopf wandte, um sie zu erhaschen, hob mich der Mensch auf. Müde vom Kampf, preßte ich mich in eine Ecke und rührte mich nicht. Da wollte mich einer meiner Henker am Hals packen. Mit einem Sprung erfaßte ich seinen Finger und biß mit solcher Wut hinein, daß ich einen Augenblick daran hängenblieb. Der Mensch stieß einen schrecklichen Schrei aus, und das Blut floß in Strömen. Ich erwartete die grausamste Bestrafung und war auf alles gefaßt. Ja ich wünschte mir den Tod. Ein Kind bedrohte mich in der Tat und schlug mich mit einem Zweig ins Gesicht. Es tat nicht sehr weh. Darauf brachte man eine Art von hölzernem Haus, das für mich gemacht schien. Man öffnete es oben, hob mich durch die Luft und zwang mich hinein. Kaum war ich drin, so verschloß man es auch schon. Ich befand mich in tiefer Dunkelheit. Dies war der Beginn meiner Gefangenschaft.

Dritter Tag

M.01.05.02.03 / M.010

Dieser Mond verdient seinen Namen nicht. Es regnet ohne Unterlaß, und ich kritzle in einem fort.

 

Man hob mich mit jenem Haus vom Boden auf, trug es an einen anderen Ort und stellte es nieder. Eine Hand öffnete das Dach und warf mir Gras hin. Dann fiel das Dach wieder über mir zu, und ich hörte keine Geräusche mehr. Ich lauerte einige Zeit mit gespitzten Ohren. Als die Stille weiter anhielt, stürzte ich mich auf die Faser meines Halsbands und zertrennte sie mit einem einzigen Biß. Sie hatte einen schlechten Geschmack, wie filzige Fasern vertrockneter Gräser. Frei von dieser Seite her, machte ich mich an das Abtasten der Wände meines Gefängnisses. Sie waren ganz aus Holz. Die Menschen haben eine ganz eigene Art, die Bäume zu zerschneiden; sie zerlegen den Stamm in dünne Blätter und formen diese dann, wie sie wollen. Als ich die weichste Stelle gefunden zu haben glaubte, begann ich zu kratzen und zu beißen, so gut ich nur konnte. Das Holz war zäh, aber wir Murmeltiere haben gute Zähne. Ich wartete nicht, bis das Loch meine Größe entsprach. Ich zwängte mich hindurch, ich weiß selbst nicht wie. Nun befand ich mich in einem Gemach, das von vier Mauern umschlossen war, und in dem es viel aufgestapeltes Heu gab. Man hörte die Kühe auf der anderen Seite der Wand. Ohne die Zeit duch Überlegungen zu verlieren, sprang ich gegen eine hohe Öffnung, durch die das Licht eindrang. Ich weiß nicht genau, was dann vorging. Ich glaube, daß ich an ein unsichtbares Hindernis stieß, das mit großem Lärm zerbrach, während ich nach rückwärts fiel. Es bleibt mir nur eine unklare Erinnerung an diesen Sturz. Ich war einen Augenblick betäubt. Als ich wieder zu mir kam, war ich in einem anderen Gefängnis, das viel größer war als das erste und ziemlich gut erleuchtet. Ich befand mich in Gesellschaft dreier Kühe, zweier Ziegen und eines Schafes. Ich hatte eine blutige Schnauze; aber ich kümmerte mich nicht darum. Ich dachte nur daran, die neue Faser zu zertrennen, die mit einem Ende an meinem Halsband festgemacht war wie die frühere und mit dem anderen Ende an einem Ring an der Wand. Aber es war vergebliche Mühe. Diese Faser war zäh und kalt, geformt aus einer Menge Kleiner Ringe, die ineinandergriffen. Die Kühe waren auf gleiche Art angebunden mit einer noch dickeren Faser. Ich weiß nicht, wo der Mensch diese Fasern findet. Es gibt nichts Ähnliches im Lande der Murmeltiere.

Fünfter Tag

M.01.05.02.05 / M.011

Ich erhob mich gestern vor dem Morgengrauen. Da ich sah, daß sich der Himmel im Westen aufklärte, machte ich mich auf den Weg nach unserem ehemaligen Bau. Diese Reise verursachte mir einige Unruhe; die Menschen befanden sich ganz in der Nähe auf den oberen Alpweiden. Alles ging gut. Ich konnte mich im Schatten halten und hatte keine schlimme Begegnung. Ich hörte den Fuchs kläffen, aber nun von fern.

 

Unser früherer Bau war tiefer unten gelegen als die anderen. Meine Frau hat es so gewollt, da sie mit dem Alter etwas frostempfindlich geworden war. Seine Mündung befand sich über einer Schlucht, der Bau maß ungefähr sechs Murmeltierlängen bis zum Gemach, das uns als Schlafraum diente. Ein Sicherheitsstollen, der unter einem Erlenstrauch mündete, war unberührt geblieben. Alles andere aber lag jetzt unter offenem Himmel wie ein aufgerissenes Bachbett. Der Boden war nämlich mit sehr harten Werkzeugen, deren Spuren man noch sieht, zerschnitten und angestochen worden; man hatte die Erde in die Schlucht geworfen, ebenso zwei große Steine, die den Hauptgang beim Eintritt in den Schlafraum verengten. Alles Heu, in das wir uns gekauert hatten, ist noch da. Es war verregnet und verfault, aber ich habe es gleich wiedererkannt: es war auserlesenes, weiches Heu, meine Frau liebte es so.

 

Das Herz blutete mir beim Betracten dieser Trümmer.

Sechster Tag

M.01.05.02.06 / M.012

Zweifellos ist der Mensch der Schuldige. Wir fielen ihm nicht zufällig in die Hände. Er kam, um uns zu fangen, er brach unseren Bau auf. Er allein besitzt die Werkzeuge, deren Spuren wir festgestellt haben. Die einen nehmen an, daß die Götter ihm diese Werkzeuge schenken; die anderen, daß er sie selbst herstellt. Ich glaube, daß der Mensch sie herstellt, daß aber die Götter es ihn gelehrt haben.

 

Diese Arbeit hatte Zeit gebraucht und war nicht ohne Lärm vor sich gegangen. Der Mensch arbeitet immer lärmend. Er kann nicht leise graben wie wir. Und dann liebt er es, daß man ihn hört. Er kann gar nicht laut genug schreien, wenn er in den Bergen wandert. Aber wie kommt es, daß wir nichts ahnten? Ich habe doch ein feines Gehör. Und meine Frau erst! Sie hört sogar die Ameisen auf dem Erdboden über unseren Gängen gehen. Wie hat man uns also gefangen, wie hat man uns weggetragen, ohne daß wir es spürten? Hier liegt ein Geheimnis verborgen. Wie tief auch der Schlaf unserer Langen Nacht sein mag, es ist doch kein bleierner Schlaf. Kann es einen Schlummer geben, dem eine Berührung durch die Hand des Menschen nichts anhaben kann?

Siebenter Tag

M.01.05.02.07 / M.013

Es gibt Augenblicke, wo ich mich am ganzen Körper abtaste, um festzustellen, ob ich es auch wirklich selbst bin, der bei sich zu Hause einschlief, der dort unten erwachte, der ohne Familie lebt in diesem verlassenen, einsamen Loch, ein Halsband am Hals… Ich werde von seltsamen Zweifeln geplagt… Ja, ja. Ich bin es schon selbst; ich betaste mich und finde nichts anderes als mich. Hier meine langen Barthaare; es gibt kein zweites Murmeltier, das sie derart gekräuselt trägt. Hier mein verstümmeltes linkes Ohr. Die Murmeltiere haben ja an und für sich schon kein zu langes Ohr. Man sagt, daß meine Mutter es zerbiß, als sie mich davonschleppte, um unsere Flucht bei irgendeiner großen Gefahr zu beschleunigen. Ja, es sind meine Pfoten, sie unseren schönen, zerstörten Bau gruben, mein Rückrat, das blank und krumm geworden ist vom vielen Durchkrieken unter den Steinen, die unseren Stollen verengten. Ja, ich bin es selbst, es gibt keinen Zweifel… Und das ist eben gerade das, was ich nicht begreife.

Vollmond

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Erster Tag

M.01.05.03.01 / M.014

Es gibt manches Unverständliche und Außerordentliche in diesem Schlaf der Langen Nacht.

 

Erstens ist es ein Schlaf von ganz besonderer Art, eine Erstarrung, eine Betäubung. Er kündet sich mehrere Tage zum voraus an, er überfällt uns wider unseren Willen, und wir haben Mühe, ihn beim Erwachen von uns abzuschütteln.

 

Zweitens ist dieser Schlaf von einer Länge, die schwer zu bestimmen ist. Die einen denken, daß die Lange Nacht so lang sei wie ein halber Mond, sogar wie ein ganzer Mond. Gewisse Tiere, die behaupten, während dieser Zeit nicht zu schlafen, sagen sogar, sie sei noch länger. Aber das tun sie aus reiner Prahlerei und um sich über uns lustig zu machen.

 

Drittens gehen während der Langen Nacht Dinge vor sich, die zu keiner anderen Zeit des Jahres vorkommen, und über die wir nur sehr unvollkommen urteilen können, weil wir sie nicht sehen. Die allgemein von uns angenommene Vorstellung ist, daß die Lange Nacht nichts als eine Nacht sei. Aber die Tiere, die über unseren Schlaf spotten, wollen wissen, daß während dieser vorgeblichen Langen Nacht die Sonne wie gewöhnlich auf- und unter- geht. Unsere Weisen haben seit langem diese tollkühne Hypothese verworfen. Die Lange Nacht ist die lange Nacht, das ist klar. Es ist ebenfalls außer Zweifel, daß es eine sehr kalte Nacht ist, während der viel Schnee fällt. Darum schließen wir auch, wenn wir ihr Kommen spüren, alle Öffnungen unseres Baues sehr sorgfältig. Minderbegabte Kreaturen sind unsere Spötter, denen die Götter diesen Instinkt versagt haben.

 

Sei es wie es wolle… Einmal möchte ich doch die Stunden der Langen Nacht zählen können.

Zweiter Tag

M.01.05.03.02 / M.015

Endlich wirklich schöne Tage, Tage würdig des Trockenmonds und solche, die die Murmeltiere lieben!

 

Die ganze Murmeltierbevölkerung des Tales ist draußen.

 

Ein volkreicher Stamm ist gegenwärtig auf einem trockenen Erdhügel versammelt, der mit flachen Steinen und Grasschüppeln bedeckt ist. Die Alten – ich zähle ein Dutzend – sitzen unbeweglich im Kreise mit herunterhängenden Vorderpfoten und betrachten die Belustigungen der Jugend. Groß ist die Lebhaftigkeit. Die einen glätten sich gegenseitig die Haare, die anderen ringen. Zeitweise gibt es regelrechte Kämpfe zwischen einigen Meisterpaaren, dann wieder herrscht ein allgemeines Handgemenge. Die Gegner weichen sich aus und fangen sich wieder. Gerade eben rannten alle im Kreise, so rasch sie nur konnten die einen den anderen nach. Und die Greise als gewichtige, überlegene Beschauer dieser fröhlichen Torheiten wedeln mit dem Schwanze vor Vergnügen. Sie leben wieder auf mit dieser Jugend, sie erinnern sich an die Heldentaten ihrer guten Jahre, und es scheint mir, daß ich sie bis hierher schnurren höre zum Zeichen vollkommener Zufriedenheit.

Dritter Tag

M.01.05.03.03 / M.016

Ein Gedanke bewegt mich. Vielleicht leben meine Frau und meine Kinder noch?

 

Ich erwachte bei den Menschen, nachdem ich doch bei mir zu Hause eingeschlafen war. So folgere ich mit Notwendigkeit, daß man mich dorthin trug. Daß man mich wegbringen konnte, ohne daß ich dessen gewahr wurde, beweist, daß ich mich in einem außerordentlich krankhaften Zustand befand; daß ich vielleicht einen Schlag auf den Kopf erhalten hatte wie damals im Gefängnis mit dem Heu, als ich gegen das unsichtbare Hindernis stieß. Ich erinnere mich zwar an nichts Derartiges; die Möglichkeit ist aber nichtsdestoweniger gar nicht ausgeschlossen. Es ist dies vielleicht die am wenigsten unwahrscheinliche Erklärung eines so rätselhaften Vorfalls. Wenn ich diese Annahme überlege, so sage ich mir, daß es kaum möglich ist, daß meine Frau und meine vier Kinder von der gleichen Krankheit erfaßt oder in gleicher Art geschlagen wurden. Sie werden also die Räuber gehört und sich geflüchtet haben; es sei denn, daß man den Ausgang unseres Sicherheitsstollens verschlossen hätte. Das muß aber nicht der Fall gewesen sein, denn er ist unberührt; ich konnte von dieser Seite her keine Fußspur feststellen.

 

Wenn meine Frau und meine Kinder leben, so sind sie nicht weit weg. Ich muß mir Gewißheit verschaffen. Ich werde von morgen an Erkundigungsstreifzüge unternehmen.

Letztes Viertel

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Vierter Tag

M.01.05.04.04 / M.017

Das allerschönste Wetter der Welt begünstigte meine Nachforschungen. Während acht Tagen durchstreifte ich die Berge. Ich näherte mich allen Familien so weit, um mit meinen Augen als Vater und Gatte die, die ich suche, sicher erkennen zu können. Ich fand niemanden.

 

Ich hatte mich von einer Hoffnung übermannen lassen. Nun ist die Enttäuschung groß. Es ist, als ob ich meine Lieben zum zweitenmal verloren hätte.

 

Ich verbreite mit meinem Halsband immer noch Schrecken auf meinen Streifereien. Die vereinzelten Murmeltiere fliehen, wenn sie mich von weitem sehen; sie warnen ihre Freunde und Verwandten, und bald setzt sich jeweils ein ganzer Stamm in Bewegung und eröffnet die Jagd auf mich.

Fünfter Tag

M.01.05.04.05 / M.018

Das Wetter verschlechtert sich. So will ich den Faden meiner Erzählung wieder aufnehmen.

 

Die ersten Tage, die ich als Gefangener im Kuhstall verbrachte, waren schrecklich. Man brachte mir Nahrung, aber ich rührte sie nicht an. Wenn ein Mensch eintrat, drückte ich mich gegen die Wand und ließ die Augen nicht mehr von ihm. War ich allein mit den drei Kühen, den zwei Ziegen und dem Schaf, dann nagte und biß ich an meiner Fessel. Ich habe während mehrere Tage nichts anderes getan und mir dabei alle Zähne ausgebissen. Die Zähne der Murmeltiere wachsen glücklicherweise wieder. Die sich über uns lustig machen, können gleiches von sich nicht behaupten.

 

Eines Morgens aß ich aber doch, der Hunger wurde Meister über mich.

 

Ein Mensch trat zweimal im Tage bei uns ein, beim Morgengrauen und abends. Er gab uns Gras und Heu, er kehrte den Schmutz weg, schüttete frisches Stroh unter die Füße der Kühe, reinigte sie und entleerte ihre Euter in große hölzerne Gefäße. Dann brachte er die ganze Herde heraus zur Tränke. Er wollte mich auch hinführen, aber ich krallte mich am Boden fest. Er mußte seine ganze Kraft anwenden, um mich einen Schritt vorwärts zu bringen. Es war derselbe Mensch, den ich gebissen hatte. Er hatte lange eine kranke Hand.

 

Dieser Mensch schien die Kühe zu lieben. Er betreute sie, aber er behandelte sie als einen Besitz. Sie versuchten nie, such zu sträuben. Sie gehorchten. Von seiten der Ziegen und des Schafes kann man eine solche Schwäche noch verstehen. Den Kühen aber habe ich sie nie verziehen. Die Kuh ist ein schwerfälliges, verweichlichtes Tier, unwürdig der Freiheit. Sie kennt nur ein Glück: wiederkäuen zu können und auf dem Stroh zu schlafen.

 

Wie leicht wäre ihnen die Flucht, wenn sie zur Tränke gehen! Aber die Luft der Felder und Berge schien sie nie in Versuchung zu führen. Wenn sie getrunken hatten, schauten sie blöde vor sich hin und kehrten in die Sklaverei zurück. Sie wackelten mit den Köpfen, geiferten längs des Weges und gingen geradewegs an ihre Plätze. Der Mensch legte ihnen die große Faser um den Hals und alles war in Ordnung.

 

Als ich die Kühe in den Bergen von ferne sah, glaubte ich, sie seien Freunde des Menschen, und ich wunderte mich über ihren Geschmack. Nun, da ich sie aus der Nähe sehe, weiß ich, daß sie seine Sklaven sind, und ich verachte sie.

 

Ich bin ein schwaches Murmeltier; aber es gibt keinen Menschen, der sich rühmen könnte, mich veranlaßt zu haben, auch nur einen Schritt freiwillig zu tun.

Sechster Tag

M.01.05.04.06 / M.019

Man ist nicht krank, ohne es zu wissen; man erhält keinen heftigen Schlag, ohne daß er eine Spur hinterläßt. Nun kann ich mich abtasten, wie ich will, ich finde keine Narbe. Ich kann in meinem Gedächtnis wühlen, ich erinnere mich keiner Unpäßlichkeit. Man muß einen anderen Grund dieser vollständigen Unempfindlichkeit suchen. Man bekommt sie nicht ohne einen vollständigen Schlaf, und der vollständige Schlaf ist der Tod, von dem man nicht mehr zurückkehrt.

Siebenter Tag

M.01.05.04.07 / M.020

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr seltsame Einzelheiten finde ich am Schlaf der Langen Nacht.

 

Wir zählen drei Monde in der Jahreszeit der wachsenden Tage: den Lawinenmond, in dem wir erwachen; den Liebesmond und den Mageren Mond, der im Augenblick unserer größten Magerkeit beginnt.

 

Andererseits gibt es vier Monde der abnehmenden Tage: den Kleemond, in dem der Goldklee blüht; den Trockenmond, in dem für gewöhnlich am wenigsten Regen fällt und das Gras an den Berghängen gelblich wird; den Fetten Mond, das Gegenteil des Mageren Monds; und endlich den Trauermond, der kalt ist, und in dem wir anfangen, schläfrig zu werden, um dann bald ganz einzuschlafen.

 

Die Lange Nacht liegt zwischen dem Trauermond und dem Lawinenmond.

 

Was macht die Sonne  während dieses Zeitraums? Warum erhebt sie sich am ersten Morgen des Lawinenmonds nicht an genau demselben Punkt wie am letzten Tage des Trauermondes?

 

Warum gibt es keine Übereinstimmung zwischen der Zahl der wachsenden und der abnehmenden Tage?

 

Ich finde keine Antwort auf diese zwei Fragen, und ich wüßte nicht, daß sie jemals von einem Murmeltier auf befriedigende Art und Weise gelöst worden wären.

 

Nun folgendes, was noch merkwürdiger ist: Ich führte in meinem Gedächtnis ein genaues Verzeichnis der Tage meiner Gefangenschaft. Es waren hundertachtzig oder sechs Monde! Nun waren wir aber noch nicht am Ende des Kleemonds, als man mir die Freiheit zurückgab. Also müssen die Tage während sechs Monden gewachsen sein. Es gibt ja oft Unregelmäßigkeiten beim Beginn und beim Ende der Langen Nacht, einen halben Mond mehr oder weniger; aber eine Abweichung von zwei Monden steht ohne Beispiel da.

 

Ob die Lange Nacht nur ein Trugschluß unseres Schlafes ist?

E. Rambert: La marmotte au collier (1889)

übers. A. Graber: Das Murmeltier mit dem Halsband (1929)

The Marmot with the Collar
A Trilingual Edition

Part 01.02 (Deutsch)

Richard L. Hewitt
Kamuzu Academy, Malawi

2020