Das Murmeltier mit dem Halsband
Tagebuch eines Philosophen

Teil II - Lawinenmond
Zweiter Sommer

M.02.01.03.07 / M.058 - M.02.01.04.07 / M.062

SPRACHE

Deutsch

Vollmond

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Letzter Tag

M.02.01.03.07 / M.058

Soll ich diese Enttäuschung und Erniedrigung erzählen? Ja, ich werde alles sagen.

 

Hundertmal ließ ich meinen Kopf sinken, hundertmal richtete er sich durch meine Willenskraft wieder auf. Es scheint aber, daß er einmal kraftlos auf meiner Brust liegen blieb, und daß ich auf dieses verfluchte und allzuweiche Heu sank…

 

Das Erwachen war langsam, mühselig, dämmerhaft. Ich schien aus einem Traum herauszutreten, der sogleich wieder begann. Plötzlich durchzuckte ein bestimmterer Gedanke mein Gehirn, und mit einem Ruck war ich auf. Ein Lichtschein drang bis in die Tiefe meines Baues. – Es ist der Mond, denke ich, jetzt ist der Augenblick da! – Ich wische mir die Augen aus, um klarer zu sehen, und mache mich auf den Weg gegen die Tür meines Baues, indem ich den unterbrochenen Satz: “O Murmeltiere…”, wieder aufnehme. Ich hatte nicht Zeit, ihn zu beenden. Schande, Schande, dreimal Schande! Es war heller Tag, und in der Tiefe rannten alle Murmeltiere auf den Futterplätzen umher. Die Lange Nacht war vorbei, und ich hatte geschlafen wie der große Haufe.

 

Was sage ich, ich hatte sogar noch länger geschlafen. Ich, ein Philosoph, der geschworen hatte, nicht zu unterliegen, ich erwachte als letzter.

Letztes Viertel

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Erster Tag

M.02.01.04.01 / M.059

Es hat mich erleichtert, dieses Geständnis hier ohne Umschweife abzulegen.

 

Wie soll ich meine Gefühle ausdrücken, als ich sah, daß ich nicht träumte, und daß es wirklich die Sonne war? Ich hatte weniger gelitten, als ich bei den Menschen erwachte, ich hatte weniger gelitten, als ich mich von den Meinen verkannt und verjagt sah. Der Verlust meiner Frau und meiner Kinder war für mich weniger grausam. Ich kauerte in der Tiefe meines Loches, ich fühlte mich unwürdig, den Tag zu sehen. Ich wollte nicht essen und nicht trinken, obwohl ich undeutlich fühlte, daß ich sehr hungrig und sehr durstig war. Ich riß mir mit meinen beiden Pfoten Kopfhaare aus, ich schlug an meine Stirne, ich vollführte krampfhafte Bewegungen und knirschte mit den Zähnen.

 

Wie lange dies dauerte? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht drei Tage und drei Nächte.

 

Ein Gedanke rettete mich. Ich sagte mir, oder ich hörte vielmehr eine Stimme, die zu mir sagte: “Dies sei eine Lehre, mache sie dir zunutze.”

 

Das werde ich tun, wenn die Götter mich am Leben lassen.

Zweiter Tag

M.02.01.04.02 / M.060

Ich faßte also den Entschluß, weiterzuleben. Zum Leben muß man essen, und darum gehe ich jeden Tag wie die andern ins Weite, um mir Nahrung zu suchen.

 

Es ist eine mühselige Jahreszeit für dir Murmeltiere. Sie erwachen in einer Wüste inmitten der Langen Nacht. Sie haben Hunger und müssen lange Wanderungen unternehmen, um einen frischen Grashalm zu finden. Diese Reisen sind dieses Jahr besonders mühsam wegen des vielen Schnees, sie sind noch mühsamer für mich, weil ich so hoch oben und so weit weg wohne.

 

Dennoch wären mir diese Wanderungen eher angenehm und eine Zerstreuung, wenn ich nicht gezwungen wäre, meinesgleichen zu fliehen und ohne Unterlaß wie ein Übeltäter die verstecktesten Wege aufzusuchen. Man sah mich gestern aus der Ferne, und gleich zeigten Pfiffe meine Anwesenheit an. Darum grub ich mir auch keinen Zufluchtsort dort unten, wo das grüne Gras beginnt, wie wir es jeden Frühling zu tun pflegen. Ich steige lieber jeden Morgen bergab und kehre wieder in meine Einsamkeit zurück, wenn ich satt bin.

Sechster Tag

M.02.01.04.06 / M.061

Ich kam spät und müde heim in den letzten Tagen. Heute habe ich einige Stunden für mich.

 

Die Beobachtungen bei meinem Erwachen waren fast nichtig: ganz unnütz die über mich selbst. Ich erhob mich zu plötzlich, und einmal draußen vor meinem Bau, in Gegenwart der Sonne, dachte ich nur noch an meine Niederlage. Ich verspürte kaum das Unbehagen, das für gewöhnlich unser Erwachen begleitet. Ich empfand weder Schwindel, noch hatte ich einen schweren Kopf. Wir brauchen eine schmerzliche Willensanstrengung, um wieder zu uns zu kommen, um uns von all diesem herbstlichen Fett zu befreien, das sich in Wasser verwandelt, und von dem einige behaupten, daß wir während des Schlafes der Langen Nacht davon leben. Es ist sehr wohl möglich, daß es einmal wie stets gewesen ist, aber ich erinnere mich an nichts. Ich erinnere mich nicht daran, unter einem Zucken oder Prikkeln des sich erwärmenden Blutes gelitten zu haben. Ich litt unter einem Hungergefühl, aber erst am zweiten oder dritten Tage. Übrigens ertrinkt dies alles in der Schande dieses Erwachens.

 

Man muß, wie ich glaube, einen sehr losgelösten Geist haben, um sich selbst beobachten zu können. Am Morgen, im Augenblick des Erwachens, ist es noch schwieriger als abends beim Einschlafen. Abends ist der normale Zustand das Wachsein, über das der Schlaf langsam Macht bekommt. Während des Einschlummerns gibt es lichte Momente; in denen man den Schlaf kommen fühlt. Morgens ist es umgekehrt: der Normalzustand ist dann der Schlaf, und wenn der Kopf wieder klar genug ist, um beobachten zu können, ist man schon erwacht. Abends kann man den Beginn des Phänomens belauschen, morgens nur sein Ende konstatieren. Für die Wissenschaft wiegt das Ende den Anfang nicht auf. Den ersten Lichtschimmer muß man ergreifen.

 

Was ich in der Natur beobachtete, beschränkt sich auf zwei Dinge: auf die Sonne und auf den Schnee.

 

Die Sonne erhob sich viel höher als am letzten Tage vor der Langen Nacht. Als ich sie zum ersten Male aufgehen sah, drei oder vier Tage nach meinem Erwachen, stand sie schon so hoch, daß sie sich nicht mehr hinter den Bergen versteckte. Sie würde in gewöhnlichen Zeiten mehr als einen Mond gebrauchen, um so hoch zu steigen.

 

Schnee gab es mehr, als ich je gesehen hatte. Das Tälchen, in dem sonst der Goldklee blüht, war ganz angefüllt von Schnee und ist es auch jetzt noch. Ein Steinblock am Fuße der Felsen, der mindestens zehn Murmeltierhöhen mißt, ist vom Schnee zugedeckt. Wir müssen weit unter die ersten Behausungen der Menschen hinabsteigen, um Knospen zu finden. Die meisten Murmeltiere mußten sich einen Stollen durch den Schnee graben, um aus ihrem Bau herauszukommen. Ich hatte dies nicht nötig, weil der meine fast am Rande des Abgrunds beginnt, wo der Wind dem Schnee keine Anhäufungen erlaubt. Aber drei Schritte nach rückwärts ist alles weiß.

Siebenter Tag

M.02.01.04.07 / M.062

Der Südwind braust durch die Lande; der Schnee schmilzt überall; die Rinnsale werden zu Wildbächen und die Kaskaden zu riesigen Wasserfällen. Ich hockte einen großen Teil des Tages vor meinem Loch und betrachtete die Lawinen auf der anderen Seite des Tales. Es war wie ein Schnellfeuer. Es gibt kein großartigeres Schaustück, wenn man es von einem sicheren Orte und von der Höhe eines ruhigen Gewissens aus beobachten kann. Für die anderen Murmeltiere ist es ein Spiel. Früher machte ich es wie sie: Ich ergötzte mich an der Natur; heute betrachte ich sie voll Ehrfurcht.

E. Rambert: La marmotte au collier (1889)

übers. A. Graber: Das Murmeltier mit dem Halsband (1929)

The Marmot with the Collar
A Trilingual Edition

Part 02.01 (Deutsch)

Richard L. Hewitt
Kamuzu Academy, Malawi

2020