Das Murmeltier mit dem Halsband
Tagebuch eines Philosophen

Teil I - Trauermond
Erster Sommer

M.01.07.01.01 / M.036 - M.01.07.03.04d / M.057

SPRACHE

Deutsch

Neumond

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Erster Tag

M.01.07.01.01 / M.036

Wenn die Götter gnädig sind, so wird dieser Trauermond der schönste meines Lebens sein.

 

Ich war also frei, aber ich wußte noch nicht, wo ich war; denn während meiner überstürzten Flucht hatte ich immer nur geradeaus geblickt. Groß war meine Freude, als ich mich in einer bekannten Gegend befand. Ich war in eine Vertiefung zwischen zwei Grashügeln geraten, einige Schritte von großen Felsen entfernt. Zu meinen Füßen öffnete sich ein tiefes Tal, und gegenüber von mir auf der andern Seite erhoben sich verschneite Spitzen. Mit dem ersten Blick erkannte ich meine Heimat. Ich vergoß überreiche Tränen.

 

Ich weine immer noch, wenn ich nur daran denke.

Zweiter Tag

M.01.07.01.02 / M.037

Es scheint mir, daß ich schon das Herannahen der Langen Nacht wittere. Dies Gekritzel wird mir fast zur Arbeit.

 

Die Glückseligkeit, die ich empfand, als ich diese Berge, die meine Kindheit behütet hatten,  erkannte, wurde bald gestört. Sobald ich genug Selbstbeherrschung gewonnen hatte, um die Einzelheiten der Dinge zu untersuchen, forschte ich nach meinem Bau. Ich entdeckte nur noch einen Trümmerhaufen. Ich hatte viel an meine Frau und an meine Kinder gedacht, ohne daß es mir gelungen wäre, irgendeinen Lichtblick über die Frage zu erhalten, ob sie mein Los geteilt hätten oder nicht. Als ich meinen geöffneten Bau sah, erriet ich die entsetzliche Wahrheit. Doch ich überlegte mir, daß sie nicht weit weg sein mußten, wenn sie etwa hatten entrinnen können. Kein Zweifel, daß sie Unterkunft und Schutz bei einer uns befreundeten Familie oder bei einem ziemlich volkreichen Stamm gesucht hätten, der weiter oben wohnt, und dessen Führer der Erstgeborene meiner dreiundzwanzig Kinder ist. Ich erwartete das Sinken des Tages, um Erkundigungen einzuziehen. Die Nacht war völlig dunkel, als ich vor dem Eingang des Baues meines Sohnes ankam. Ich rief ihn bei seinem Namen, und in meiner Ungeduld, ihn an mein Herz zu pressen, stürzte ich mich in den Stollen. Niemand erkannte die väterliche Stimme. Der ganze Stamm warf sich auf mich wie auf einen nächtlichen Einbrecher, und ich wäre unweigerlich unter den Schlägen zugrunde gegangen, wenn ich nicht geflüchtet wäre. Vergeblich versuchte ich, mich zu erkennen zu geben. Sie verfolgten mich, aber ich war magerer als sie alle, da ich noch nicht vom Klee der Berge gekostet hatte. So überbot ich sie an Schnelligkeit.

 

Ich begab mich sodann zum Bau unserer Freunde, wahrer Freunde – wenigstens glaubte ich es –, die lange Zeit unsere Nachbarn waren. Diesmal gebrauchte ich Vorsicht. Beim Eingang angelangt, sagte ich, wer ich sei und rief leise nach dem Hausherrn. Er kam heraus, schaute mich schief an und schien mein Halsband zu prüfen, das im Mondschein glänzte. Dann stieß er einen scharfen Pfiff aus. Im gleichen Augenblick rannten Frau und Kinder herbei, und die ganze Familie warf sich noch erboster auf mich als der Stamm meines Sohnes. Ich hatte die allergrößte Mühe, mich aus ihren Klauen zu befreien.

 

Nach diesem zwiefachen Mißgeschick flüchtete ich in irgendein Loch, um darin die Morgenröte abzuwarten. Diese Nacht schien mir länger als alle Nächte meiner Gefangenschaft. Beim ersten Dämmerschein sah ich die Bewohner der nachbarlichen Baue hervorkriechen. Sie schienen beunruhigt. Sie ließen sich nicht Zeit zum Frühstück. Sie kamen and gingen in einer außerordentlichen Erregung, gaben sich Zeichen und teilten sich die Neuigkeiten der Nacht mit. Bald ertönte an allen Hängen des Berges der Alarmpfiff. Ich verstand, daß es sich um mich handelte, und daß man eine allgemeine Treibjagd gegen mich in Szene setzte, um die Gegend von dem Räuber zu befreien, der die Ruhe der beiden Baue gestört hatte. Ich war verloren, wenn man mich fand. Ich ergriff in aller Eile die Flucht und hielt erst inne, als ich auf dieser hohen Plattform ankam, wo es noch niemals einen Bau gegeben hat, und wo es wenig wahrscheinlich war, daß man mich suchte. Ich verbrachte hier in meiner Herzensangst zwei Tage ohne Nahrung und ohne Unterschlupf. Wenig fehlte, daß ich mich nicht nach meinem Gefängnis dort unten sehnte und nach dem Menschen mit den falschen blauen Augen. Endlich fand ich meine Selbstbeherrschung wieder und faßte den Entschluß, einsam zu leben und mein Dasein der Weisheit zu widmen.

 

O Murmeltiere! Euch und nicht den Menschen verdanke ich die dunkelsten Stunden meines Lebens! Und doch arbeite ich ja für euch. Wenn ich das Geheimnis der Langen Nacht gelüftet habe, werde ich von neuem euern Bauen die Stirne bieten und eure auch wider euern Willen belehren. Ich will euch durch Wohltaten alle Schlechtigkeiten vergelten, die ihr mich erleiden ließet.

Dritter Tag

M.01.07.01.03 / M.038

Wir erleben eine Wiederkehr des Sommers. Ein dichter Nebel verdeckt die tiefen Täler; aber in den Bergen ist es sehr schön.

 

Ich durchkostete heute herrliche Augenblicke. Ich lag auf einem weißen Stein ganz nahe bei meinem Bau und döste schläfrig vor mich hin. Ich träumte, daß ich endlich die Lösung des großen Problems gefunden hätte. Ich erinnere mich aber jetzt nicht mehr, wie sie war. Meine Gedanken trieben unbestimmt dahin. Ich weiß nur, daß ich die Lösung in Händen hielt, daß ich sie mit aller Macht an mich preßte, und daß sie Kräfte ausströmte; denn ich fühlte in all meinen Gliedern ein neues Wohlbefinden, wie wenn eine göttliche Macht in mein Blut gedrungen wäre. Als ich die Augen öffnete, sah ich die Sonne. So war sie es gewesen! Aber seltsam, ich spürte keine Enttäuschung. Ich blieb auf meinem Stein liegen, halb schlummernd, halb wach. Ich genoß eine vollkommene Wonne und schnurrte, wie ich seit dem Vorabend meiner Gefangenschaft nicht mehr geschnurrt hatte.

Vierter Tag

M.01.07.01.04 / M.039

Ich schlafe viel in diesen Tagen, nicht aus Schlafbedürfnis, sondern aus Vorsicht. Ich schaffe Vorrat für die Wachen der Langen Nacht.

Fünfter Tag

M.01.07.01.05 / M.040

Wie ich euch bedaure, gewöhnliche Murmeltiere, die ihr weder durch Freuden noch Sorgen emporgeführt werdet. Ihr eßt, um zu leben, und ihr lebt, um zu essen. Ihr arbeitet, um einen Unterschlupf zu haben, und ihr ruht euch nur aus, um wieder mit der Arbeit zu beginnen. Euer Leben rollt in einem ewigen Kreislauf dahin. Ich aber habe ein Ziel. Eine höhere Idee veredelt alle meine Gedanken, alle meine Handlungen bis in meinen Schlaf hinein. Ich ruhe mich aus, um meine Kräfte für die Erforschung der Weisheit zu erneuern.

 

Geheiligte und ruhmreiche Forschung! Kann man noch leben, wenn man nicht für sie lebt?

Sechster Tag

M.01.07.01.06 / M.041

Ich danke den Göttern für die ganz neuartigen Wonnen, deren Lust ich jetzt auskoste. Glückbringendes Unglück! Ohne dich wäre ich gleich weit wie meine Brüder und Schwestern. Ohne dich würde ich das Entzücken nicht kennen, das die Weisheit denen vorbehält, die sie lieben. Gesegnet seien die undankbaren Kinder! Gesegnet meine Gefangenschaft! Gesegnet die Hand der Menschen, die das Heiligtum meines Baues verletzt hat!

 

Wenn nur meine Frau leben würde! Wie wäre sie glücklich, mit mir die Wachen der Langen Nacht zu teilen.

Siebenter Tag

M.01.07.01.07 / M.042

Die Sonne ist matt, der Nordwind schneidend. Halten wir uns bereit.

Erstes Viertel

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Erster Tag

M.01.07.02.01 / M.043

Mehrere Murmeltiere streckten die Schnauzen zur Öffnung ihres Baues heraus. Sie empfanden die Luft als zu kalt und zogen sich fast sogleich wieder zurück. Ein einziges tat dergleichen, als ob es weiden wollte.

Zweiter Tag

M.01.07.02.02 / M.044

Das Tal wird von Tag zu Tag ruhiger. Diese Stunden wären günstig zu ersten Betrachtungen, wenn nicht auch ich die der Erstarrung vorangehenden Symptome spürte. Mehr als einmal war ich entrüstet über die Natur. Sie dürfte wenigstens die Philosophen respektieren, anstatt sie wie gemeines Volk zu behandeln oder wenn möglich noch schlimmer. Dennoch fand ich beim Überlegen einen Vorteil darin. Es bedeutet nich viel, den Schlaf der andern zu beobachten; man muß ihn an sich selbst beobachten und ihn überwinden.

Dritter Tag

M.01.07.02.03 / M.045

Ich aß wenig in letzter Zeit. Ich will die Spötter und Verleumder ins Unrecht setzen. Ich will nicht, daß man mir vorwerfen könnte, ich hätte vor lauter Fett geschlafen.

 

Ich habe übrigens wenig Lust zu gutem Essen und Trinken. Nicht einmal ein schönes Büschel Steinbrech konnte mich locken. Ich ging an weißen Leberblumen am Rande des Baches vorbei, ohne sie zu berühren. Der Duft einer kleinen spätblühenden Pflanze rief geradezu Ekel in mir hervor.

 

Ich wünschte, daß sich die Wachen der Langen Nacht, ohne essen zu müssen, zubringen ließen. Der Gedanke, daß ich von trockenem Gras leben soll, ist mir schwer erträglich.

Vierter Tag

M.01.07.02.04a / M.046

Ich werde während der ganzen Dauer der Langen Nacht ein genaues Register über die Beschaffenheit von Himmel und Erde führen.

 

Ich beginne heute damit.

 

Die Sonne läuft hinter den Bergen durch, die gegen Mittag einen Wall bilden. Wenn sie sich zeigt, so wird dies nur für einen kurzen Augenblick bei der großen Felsscharte sein. Schon gestern sah ich vom Eingang des Baues aus nur noch ihren Rand.

 

Der Himmel ist klar. Nur einige weiße Wolken kleben an den Gipfeln. Es blast ein kalter, lebhafter Nordwind. Vielleicht wird es heute nacht frieren.

 

Das Gras ist vertrocknet und gelb, aber nicht zu Boden gedrückt. Alle Grashalme, alle Enzianstengel stehen noch stolz aufrecht.

 

Der erste Herbstschnee ist auf der Sonnseite des Tales verschwunden. Auf der andern färbt er noch die Schluchten über meinem Bau weiß.

 

Die Mehrzahl der Bäche hört auf zu fließen; die Wasserfälle stürzen nicht mehr über die Gesimse. Ein schwaches Murmeln steigt vom Fluß des Tales auf.

 

Eine einzige Quelle rinnt immer noch in der Nähe meines Baues. Man nennt sie die Schwarzmoosquelle.

 

Ich sah wenig Tiere in letzter Zeit. Einen Adler gestern, einen Schneehasen vor einigen Tagen – er hatte noch keine grauen Haare – und diesen Morgen zwei Gemsen. Das Männchen trug ein zerbrochenes Horn. Schwärme von Dohlen wirbeln um die hohen Grate und schreien vor Hunger. Ohne sie wäre das Echo der Berge tagelang müßig.

Am selben Tag

M.01.07.02.04b / M.047

Die Sonne ist eben hinter der Felsscharte durchgegangen. Ich war beim Eingang meines Baues. Ich erspähte sie. Sie konnte mir kaum noch einen Strahl zusenden, den letzten vor den Wachen der Langen Nacht… Wenn sie wieder am Horizont erscheint, wird ein Murmeltier in das große Geheimnis eingedrungen sein.

Fünfter Tag

M.01.07.02.05 / M.048

Heute morgen war die Erde mit Reif bedeckt. Der Nordwind ist immer noch kalt.

 

Ich empfinde eine seltsame Müdigkeit. Es verfließt eine merkliche Zeit zwischen dem Augenblick wo ich ein Glied bewegen will, und dem, wo ich es wirklich bewege. Die Hemmung muß in den Gelenken setzen. Es scheint mir, daß sie nicht mehr zusammenarbeiten. Nur mit Willensanstrengung kann ich diese Aufzeichnungen machen. Hie und da entfällt mir ein Gedanke, und die Kralle bewegt sich nur noch ganz mechanisch vorwärts. Ich mitleide die, die dies lesen müssen…

Sechster Tag

M.01.07.02.06 / M.049

Gleiches Wetter wie gestern, gleiche Schwächezustände… Die gedanklichen Vorgänge sind in Ordnung, aber mit Unterbrechungen. Ich verfolge einen Gedanken, und plötzlich hört er auf. Es ist schwierig zu beschreiben. Ich denke, und ich denke nicht mehr. Ich halte eine Idee fest, und sie entschwindet. Ich finde sie einen Augenblick später wieder. Es scheint mir hie und da, als ob mein Hirn sich verflüssige und davonschwimme. Ich fühle Schauer von einer merkwürdigen Art längs des ganzen Rückenmarks. Es gibt Augenblicke, wo sich die Berge vor mir drehen.

Siebenter Tag

M.01.07.02.07 / M.050

Immer noch keinen Appetit. Übrigens fühle ich mich wohler und viel wacher, trotzdem es kälter ist als in den letzten Tagen. Vielleicht ist nur der erste Augenblick so schwer zu überwinden.

 

Schönes Wetter.

Vollmond

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Erster Tag

M.01.07.03.01 / M.051

Schönes Wetter, sehr schönes Wetter, keine Wolke am Himmel. Nordwind.

 

Ich fühle mich immer noch sehr munter, aber der Atem geht langsam. Ich befürchte, daß die Langsamkeit des Blutkreislaufes die wahre Ursache der Schlaffheit ist, an der ich leide. Aber was ist der Grund für diese Müdigkeit des Blutes?

Zweiter Tag

M.01.07.03.02 / M.052

Das Herz schlägt immer langsamer.

 

Ich wollte mich zusammenreißen und mein Blut aufpeitschen. Ich scheuerte das Rückgrat an den Verengungen meines Stollens. Es nützte nichts.

Dritter Tag

M.01.07.03.03 / M.053

Der Schlaf der gewöhnlichen Nächte macht such zuerst im Kopf fühlbar. Die Glieder versagen den Dienst, weil das Hirn aufhört, sie zu befehligen.

 

Der Schlaf der Langen Nacht äußert sich auf andere Weise. Er beginnt mit einer Erstarrung derjenigen Glieder, die am weitesten vom Hirn entfernt sind. Trotz der Unterbrechungen, an denen ich litt, ist der Geist rüstig. Ich denke, ich will. Aber die Hinterbeine versagen fast den Dienst.

 

Ich leide unter einer besonderen Art von Kälte. Ich habe kalt unterm Fell, kalt im Blut.

 

Trotz des schönen Wetters machte nur ein einziges Murmeltier Miene, hervorzukommen.

Vierter Tag

M.01.07.03.04a / M.054

Der große Augenblick ist da. Es ist Mittag, und es zeigt sich kein Murmeltier mehr. Die Baue sind vermauert oder werden es bald sein. Heute abend beim Mondschein will ich meinen ersten Streifzug unternehmen.

 

Reif, Nordwind, klarer Himmel.

Am selben Tag

M.01.07.03.04b / M.055

Es streicht von Zeit zu Zeit etwas wie Nebel an meinen Augen vorbei. Ich spüre ein deutliches Ohrensausen. Im übrigen sehe und höre ich gut.

 

Die Hinterbeine versagen immer noch den Dienst. Aber man wird sie schon zum Gehen zwingen können.

Am selben Tag

M.01.07.03.04c / M.056

Die Schatten verlängern sich. Ihr Götter, haltet mich aufrecht! Dieses Blut will nicht mehr kreisen. Ich glaubte nicht, daß es so viele Mühe kosten würde, um Philosoph zu sein… Aber ich werde nicht unterliegen… Nein, ich will nicht unterliegen!...

Am selben Tag

M.01.07.03.04d / M.057

Die Erstarrung beginnt, die Vorderbeine zu erfassen… Ich kritzle mit großer Mühe… Die Nacht ist da… Noch einen Augenblick… Ich muß mit mir selbst über erhabene Ideen sprechen… O Murmeltiere…

E. Rambert: La marmotte au collier (1889)

übers. A. Graber: Das Murmeltier mit dem Halsband (1929)

The Marmot with the Collar
A Trilingual Edition

Part 01.04 (Deutsch)

Richard L. Hewitt
Kamuzu Academy, Malawi

2020