Das Murmeltier mit dem Halsband
Tagebuch eines Philosophen

Teil II - Magerer Mond
Zweiter Sommer

M.02.03.01.01 / M.086 - M.02.03.04.07 / M.101

SPRACHE

Deutsch

Neumond

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Erster Mond

M.02.03.01.01 / M.086

Ich glaubte heute meiner Sache sicher zu sein. Ich hatte mich schon auf den Weg gemacht und die Hälfte der Entfernung, die uns trennt, überschritten, als ich drei Barthaare aus dem Schnee ragen sah. Immer noch die Alte!

Zweiter Mond

M.02.03.01.02 / M.087

Der Schnee schmilzt. Es gibt keine Hoffnung mehr.

Dritter Mond

M.02.03.01.03 / M.088

Diese neuerliche Enttäuschung fachte den Schmerz über die frühere wieder an. Ich habe zu nichts mehr Mut.

Siebenter Mond

M.02.03.01.07 / M.089

Endlich der wirkliche Frühling. Der Boden ist von neuem frei. Was kümmert mich dies?

Erstes Viertel

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Dritter Tag

M.02.03.02.03 / M.090

Der Schnee schmilzt rasch im Tälchen des Goldklees. Alle Wiesen werden mit Blumen durchwirkt. Die Anemonen in falbem Gelb, die rosafarbenen Aurikeln und die Enziane mit ihren blauen Kelchen strahlen miteinander um die Wette.

 

Was kann mir all diese Herrlichkeit bedeuten? Für mich gibt es keinen Frühling mehr. Warum habe ich nicht durchgehalten während der Langen Nacht? Warum habe ich nicht gewacht, während die andern schliefen? Dies wäre mein Frühling gewesen.

Vierter Tag

M.02.03.02.04 / M.091

Niemals begann ein jungverheiratetes Pärchen mit weniger Umständen zu schäkern als meine Nachbarn. Man ruft, man flieht, man verfolgt, man bewundert sich gegenseitig, man flüstert sich Wörtchen ins Ohr, man putzt sich das Fell, man neckt, man liebkost und umarmt sich.

 

Wollen sie vielleicht über meine Philosophie spotten?

Fünfter Tag

M.02.03.02.05 / M.092

Man kann sich wohl mit Weisheit vollstopfen: Lenz bleibt doch Lenz. Ich trug meinen Witwerstand während des letzten Mondes wacker. Was kommt mich jetzt plötzlich an?

Sechster Tag

M.02.03.02.06 / M.093

Ich entschloß mich zu einer kleinen Wanderung. Ich habe Zerstreuung nötig.

 

Morgen, wenn das Wetter klar ist, werde ich einen der Gipfel erklettern, die den Talhintergrund beherrschen, die Becca de l’Oura zum Beispiel. Ich möchte wissen, wie es auf der anderen Seite aussieht. Man muß die Gelegenheit benutzen, die Welt zu durchstreifen, wenn die Menschen noch fern sind.

Vollmond

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Erster Tag

M.02.03.03.01 / M.094

Ich erlebte gestern einen Morgen nach Wunsch. Er war sehr schön. Beim Morgengrauen hatte ich bereits gefrühstückt und war unterwegs. Meine Nachbarn tollten schon herum und kokettierten. Ich warf ihnen einen verachtungsvollen Blick zu. Ein Geier, den ich in den Lüften kreisen sah, war die einzige Ursache zur Unruhe für mich. Ich konnte mich hinter einem Stein kauern.

 

Vielleicht sind wir zu furchtsam. Mit ein wenig Vorsicht könnten wir weite Reisen unternehmen wie die Schneehasen. Wir wandern ja wohl beim Erwachen nach der Langen Nacht, wenn uns der Hunger dazu treibt. Und gerade dies ist doch der gefährlichste Zeitpunkt des Jahres. Wohin flüchten, wenn der Schnee den Boden bedeckt? Wie sich auf dem weißen Teppich verbergen?

 

Ich stieg zuerst bis zum Wildbach ab, dann folgte ich seinem Lauf bis zum kleinen Tälchen, wo ich letztes Jahr meine Frau und meine Kinder zu finden gehofft hatte. Von dort umging ich den Gletscher auf den Moränen. Auf dem Passe angelangt, aus dem sich die Becca de l’Oura aufwirft, folgte ich, ohne abzuweichen, dem Grat. Nur einige Felsabsätze umging ich. Ich brauchte drei Stunden bis zum Gipfel.

 

Ich erinnere mich nicht, je leichtfüßiger gewandert zu sein. Dennoch habe ich müde Pfoten. Es ist genug für heute.

Zweiter Tag

M.02.03.03.02 / M.095

Die Sonne stand schon hoch über dem Horizont, als ich den Gipfel der Becca de l’Oura erreichte; aber die Luft war immer noch klar, und es gab keine Wolke am Himmel. Gott, ist der Himmel groß! Und die Welt!

 

Ich wollte wissen, was auf der anderen Seite war! Ich sah es. Es gibt ein anderes Tal, dann neue Berge, jenseits deren sich wiederum ein Tal eingräbt, und so fort ins Unendliche. Ich blickte nach den vier Windrichtungen des Horizonts und sah nichts als Berge, gefolgt von anderen Bergen, die immer grauer, immer blasser wurden. Wo liegt wohl das, was man die Ebene nennt? Ich hoffte, die Ebene von dort oben zu sehen. Ich erblickte nichts, das diesen Namen verdienen würde.

Dritter Tag

M.02.03.03.03 / M.096

Die Berge, die man von der Becca de l’Oura aus erblickt, sehen einander kaum ähnlich. Die einen sind höher, die andern niedriger. Ich sah keine zwei, die die gleiche Form gehabt hätten. Es gibt solche, die grün sind bis zum Gipfel; andere von spitzen Felsen gekrönt, in allen Farben von Weiß bis Schwarz. Ich sah gelbe, ja selbst rote Felsnadeln. Die Flanken mehrerer Spitzen sind mit großen Schneemassen bedeckt. Man verliert sich in dieser Verschiedenartigkeit und Unendlichkeit.

 

Es ist übrigens überall wie bei uns. Der Mensch bewohnt die Taltiefen, wo seine Häuser wie weiße Punkte schimmern, manchmal vereint in Gruppen, oft zufällig hingestreut. Höher oben weichen die Menschenwohnungen unseren Bauen. Ich sah mehrere Murmeltierfamilien auf der anderen Seite des Berges, aber in großer Entfernung unter mir. Noch höher oben schließlich werfen sich die Gipfel auf, ein ungastliches Land, in dem man keine Lebenspuren mehr finden würde außer denen der Gemsen, die sich dorthin wagen, und der Adler, die bis in den Himmel hineinfliegen.

 

Die Erde ist also in drei Zonen eingeteilt, die der Menschen, die der Murmeltiere und die noch höher gelegene Einöde. Die zweite ist die schönste.

 

Dies erinnert mich an das, was unsere Vorfahren zu sagen pflegten, daß das Volk der Murmeltiere einst unendlich viel zahlreicher war, und daß es mit seinen Stämmen die Hälfte der Erde bedeckte. Sicherlich war die Welt für uns geschaffen. Was bedeuten diese Löcher, in denen die Menschen wohnen, oder diese Gipfel, auf denen die Adler horsten, im Vergleich zu den geräumigen Flanken, die für unsere Baue günstig sind. Warum aber dieser Verfall? Warum vermindern sich unsere Stämme von Generation zu Generation? Sind unsere Frauen weniger fruchtbar? Nein: Der Egoismus entfernt uns voneinander.

 

Jeder denkt nur an seine Familie, an seine Liebhabereien, an seine Behausung, derart daß unsere Feinde über den einzelnen von uns die Oberhand behalten. Die Dinge würden eine ganz andere Wendung nehmen, wenn alle Murmeltiere für die Weisheit lebten. Sie hätten ein gemeinsames Ziel; sie würden eine einige, große Nation bilden. Aber was kann man von einem Geschlecht erwarten, das die Philosophen verfolgt?

Vierter Tag

M.02.03.03.04 / M.097

Es gab keinen Rasen mehr auf dem Gipfel der Becca de l’Oura; aber zwischen den Steinen wuchsen doch neben einigen armseligen Grashalmen blühende Moose von einer wunderbaren Schönheit. Eine Art war mir gänzlich unbekannt und versetzte mich in Bewunderung. Wir haben in unserer Gegend sehr schöne ausgezackte Blumen, die meine verstorbene Frau, glaube ich, Vergißmeinnicht nannte. – Meine Frau kannte die Namen sämtlicher Bergblumen. – Die Blumen, die ich dort oben bewunderte, gleichen dem Vergißmeinnicht sehr, aber sie sind größer und von einem leuchtenderen Blau. Die Pflanze, die diese Blume trägt, ist eine Art von Moos, das in Felsritzen wuchert. All dies Moos trägt Blumen. So sah man fast nichts Grünes mehr, sondern nur noch blaue Polster. Sie strömen einen frischen, zugleich milden und herben Duft aus, so leicht wie die Luft des Himmels, die sie einatmen. Ich kenne ihren Geschmack nicht. Es wäre eine Sünde gewesen, auch nur eine einzige zu fressen, sie waren so schön! Man könnte sagen, daß sie Augen haben. Man neigt sich ganz tief über sie, um sie anzuschauen,und dann sind sie es, die einen anblicken.

 

Warum hat Natur das Land der Murmeltiere dieser zarten Wunder beraubt? Für wen läßt sie sie in dieser wilden Einsamkeit aufblühen? Etwa für die Geier? Nein, für uns, damit wir sie suchen! Sie belohnt mit dieser Überraschung die Forschbegierde der Liebhaber der Weisheit.

Fünfter Tag

M.02.03.03.05 / M.098

Seit ich die Becca de l’Oura erklommen habe, erfaßt mich eine unendliche Begierde, zu sehen und zu wissen. Ich möchte die Berge überschreiten, die dieses Land abgrenzen, und andere Himmel und andere Völker kennenlernen. Das Universum ist größer, als wir glauben. Ich sehe von hier aus nur einen Wildbach, aber es gibt tausend Wildbäche auf der Welt. Ich sehe nur ein paar Gipfel, zu Tausenden und aber Tausenden zählt man die Gipfel der Erde. Warum kann ich nicht alle Bäche sehen, deren Wellen durch die Täler treiben, alle Gipfel, die die Himmel erstürmen! Vielleicht hat jeder Gipfel seine besondere Blume, sei sie nun blau oder rosa-farben. Ich vermute, daß die Natur unerschöpflich ist.

 

Man muß jedoch Vernunft annehmen und nicht alles auf einmal wollen. Laßt uns zuerst das große Problem lösen, nachher werden wir von Gipfel zu Gipfel, von Bach zu Bach eilen.

Sechster Tag

M.02.03.03.06 / M.099

Ich verbrachte vierundzwanzig Stunden in ernsthaftem Nachdenken. Eine Idee lächelte mir: Ich weiß nur ungenau durch umgehende Gerüchte, was andere Tiere von unserem Schlaf denken und über die Lange Nacht sagen. Ich muß genaueres zu erfahren suchen. Die Aussagen dieser Tiere sind zwar verdächtig; aber es sind doch Bezeugungen. An wen sich wenden? Die Murmeltiere suchen sich ein Leben abseits von den andern; sie haben fast keine Beziehungen mehr. Wie aber mit einer Gemse plaudern? Sie läuft zu schnell. Der Dachs ist ein ungeschliffener Kerl. Bei seinen nächtlichen Herumstreifereien hat er noch nie jemandem etwas Gutes getan. Der Fuchs kann nur lügen und die Behausungen anderer Leute ausrauben. Die Rebhühner und Schneehühner können nichts als tänzeln und herumflattern. Ihre Aufmerksamkeit kann man nicht fesseln. Die Viper beißt, der Igel sticht, die Maus entschlüpft einem zwischen den Pfoten… An wen sich also wenden?

 

Da wäre noch der Schneehase, dessen Ruf als Philosoph vielleicht übertrieben, aber weithin unter den anderen Tieren verbreitet ist. Er verbringt die Hälfte seines Lebens in seinem Lager, um nachzusinnen und Probleme zu wälzen. Was hat er soviel zu träumen? Ich weiß nichts Näheres darüber; aber dieses Träumen ist immerhin schon etwas, es liegt am Wege zur Weisheit. Unsere Artgenossen aber träumen ganz und gar nicht. Unglücklicherweise gibt ihm seine Philosophie keinen Mut. Er ist das furchtsamste aller Tiere; er hat Angst vor allen, er flieht, sobald man sich ihm nähert. Ich erinnere mich nicht, mit einem Schneehasen jemals als zehn Worte gewechselt zu haben. Sie kneifen immer aus. Wie wird es sein, wenn sie erst mein Halsband sehen? Ich will es trotzdem versuchen. Ich sah letzthin einen Hasen. Sein Lager muß nicht weit weg sein. Ich werde versuchen, ihn gesellig zu machen.

Siebenter Tag

M.02.03.03.07 / M.100

Die Menschen und ihre Herden nahmen die allerhöchsten Weideplätze in Besitz. Zwei heulende Hunde streiften während des ganzen Tages in den Bergen herum. Ich kam nur aus meinem Loch hervor, um zehn Schritte davon zu weiden.

Letztes Viertel

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Siebenter Tag

M.02.03.04.07 / M.101

Trauriges Ende des Mageren Mondes! Ich verfolgte während acht Tagen von meinem erhöhten Beoachtungsposten aus die Jagden dieser verfluchten Hunde. Die Mehrzahl der Murmeltiere im Tale kauern in ihrem Bau. Ich wette, daß manche nicht mehr als zehn Kleeblumen während dieser Zeit fraßen. Zwei Jungen erging es schlecht, als sie sich auf die Wiese hinauswagten. Der Rückzug wurde ihnen abgeschnitten; sie wurden gefangen und an Ort und Stelle erwürgt. Ich war Augenzeuge dieses scheußlichen Schauspiels. Während zweier langer Tage kratzten diese beiden blutdürstigen Wegelagerer vor einem Bau. Es war ein ganzer Stamm darin. Er konnte sich aber in der nächsten Nacht flüchten.

 

All diese Zeit ist für meine Philosophie verloren. Diese Murmeltiere, die sich geweigert haben, mich wiederzuerkennen, sind trotzdem meine Brüder und Schwestern, meine Kinder, mein eigenes Fleisch und Blut. Die Stimme des Blutes ist starker. Wenn sie verfolgt werden, so ist es, wie wenn ich selbst gejagt würde. An was anderes könnte ich da noch denken?

E. Rambert: La marmotte au collier (1889)

übers. A. Graber: Das Murmeltier mit dem Halsband (1929)

The Marmot with the Collar
A Trilingual Edition

Part 02.03 (Deutsch)

Richard L. Hewitt
Kamuzu Academy, Malawi

2020