Das Murmeltier mit dem Halsband
Tagebuch eines Philosophen

Teil II - Kleemond
Zweiter Sommer

M.02.04.01.02 / M.102 - M.02.04.04.07 / M.119

SPRACHE

Deutsch

Neumond

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Zweiter Tag

M.02.04.01.02 / M.102

Es regnete heute. Die Hunde ließen nichts von sich hören. Vielleicht sind sie müde; es wäre an der Zeit.

 

Ich benützte einen Augenblick des Aufklarens, um einen Spaziergang bis zum Lager des Hasen zu machen. Er entfloh bei meinem Herannahen, immerhin nicht ohne daß ich ihm von ferne einen artigen Gruß zusenden konnte. Ich werde morgen wiederkommen.

Dritter Tag

M.02.04.01.03 / M.103

Erneuter Besuch beim Schneehasen. Ich hatte große Furcht bei der Rückkehr. Die Hunde standen im Felde, und ich glaubte, daß sie diese Seite des Wassers gewählt hätten. Solchen Dingen setzt man sich aus!

Vierter Tag

M.02.04.01.04 / M.104

Meine Nachbarn haben schon Zuwachs. Sechs Kleine – nur so viele! – kamen mit ihnen hervor. Die Eltern schienen entzückt zu sein.

Fünfter Tag

M.02.04.01.05 / M.105

Dreihundert Murmeltiere, vielleicht noch mehr, haben sich dieses Hochtal zum Wohnsitz gewählt, und zwei Hunde genügen, um sie alle zittern zu lassen… Murmeltiere, ihr seid ja nur Pöbel! Wann werdet ihr ein Volk sein?

Erstes Viertel

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Dritter Tag

M.02.04.02.03 / M.106

Der Schneehase, der augenblicklich rothaarig gefärbt ist, beginnt Zeichen einer sichtlichen Neugierde zu geben. Durch Neugierde packt man diese Träumer.

Vierter Tag

M.02.04.02.04 / M.107

Noch ein Geheimnis, an das ich nicht gedacht hatte, so sehr läßt uns die Gewohnheit die seltsamen Dinge natürlich erscheinen! Warum nennt man ihn den Schneehasen? Wenn wir uns zum Schlafe der Langen Nacht niederlegen – um abzukürzen, nenne ich sie immer noch die Lange Nacht – ist er rötlich wie jetzt. Wenn wir erwachen, ist er bizarr weiß und grau gefleckt; hie und da sogar, wenn unser Erwachen kein allzuspätes ist, ist er weiß. Nur an den Ohrenspitzen besitzt er dann zwei schwarze Punkte, die man über den Schnee rennen sieht. Noch früher ist er ohne Zweifel ganz weiß. Wenn sich während der Lange Nacht sein Fell vom roten ins weiße verwandelt, dann müssen wir während nahezu zweier Monde schlafen. Dies ist die verhängnisvolle Zahl. Alles führt zu ihr hin.

Fünfter Tag

M.02.04.02.05 / M.108

Man muß die großartige Matronenmiene sehen, die meine Nachbarin aufsetzt. Wie sie ihre Leute überwacht, wie sie sich mit ihrem armen Gatten herumzankt, wie sie ihm den schwierigen Vaterberuf beibringt, wie sie sich beunruhigt, sich abmüht. Sie pfiff in einer halben Stunde dreimal wegen nichts… Und wenn man daran denkt, daß in der ganzen Erziehung, die sie ihren sechs Kinder zuteil werden läßt, kein Gedanke, kein Wort über die Weisheit Raum findet! Fressen, den Boden aufkratzen und sich vermehren, ist dies das ganze Leben?

Siebenter Tag

M.02.04.02.07 / M.109

Heute bei meinem neunten Besuch konnte ich ein paar Worte mit dem Schneehasen wechseln und ihn meiner Freundschaft versichern. Er war nahe bei mir, höchstens zwanzig Murmeltierlängen entfernt. Ich sah, daß seine Ohren zitterten; aber die Neugierde hielt ihn zurück. Auf das Wort Freundschaft hin rieb er sich die Schnauze mit den beiden Vorderpfoten, dann sagte er mir mit ängstlicher Stimme und seltsamem Stottern, daß er ni… ni… nicht an Freundschaft glaube. Ich antwortete ihm, daß auch ich kaum an sie glaube, wenigstens bei den Murmeltieren, und darum suchte ich meine Freunde anderswo. “Wir sind Brüder,” fügte ich hinzu, “Einsiedler, der eine wie der andere! Vereinen wir doch unsere Einsamkeiten und seien wir miteinander glücklick.”

 

Er schien von dieser Rede sehr überrascht; er bewegte die Ohren auf eine Art, die sehr wohl zeigte, daß er den Worten keinen großen Glauben beimaß.

 

“Was haben Sie da am Halse?” sagte er immer noch stotternd zu mir.

 

Ich erwartete diese Frage. Ich nahm die allerdemütigste Haltung an, faltete die Pfoten und sagte:

 

“Ich trage an meinem Hals das Brandmal von hundertachtzig Tagen und hundertachtzig Nächten der Gefangenschaft. Erhabener Hase, der Unglückselige, den Sie vor sich haben, ist ein lebendes Wunder. Der Geruch des Menschen verfolgt ihn…”

 

Bei diesen Worten flüchtete der Schneehase wie en Blitz.

 

“Halten Sie inne”, schrie ich ihm mit verzweifelter Stimme nach, “haben Sie Mitleid mit einem Unglücklichen!”

 

Er hielt an, maß die Entfernung, die uns trennte, und schien halb beruhigt.

 

“Der Geruch des Menschen verfolgt mich überall hin”, fuhr ich fort, indem ich jedes Wort betonte, wie um ihn an das Schreckliche dieser Worte zu gewöhnen, “er bringt mir den Fluch des Erdballs ein. Alles, was diese verwünschte Rasse berührt, ist verflucht. Dennoch schwöre ich Ihnen, daß dieses Halsband das unschuldigste aller Halsbänder ist. Es hat niemals jemandem etwas zuleide getan außer mir selbst. Um Gotteswillen, hören Sie meine Bitte, Meister Hase; erlauben Sir mir, daß ich Ihnen jetzt meine Geschichte erzähle. Sie ist tragisch, und ich bin sicher, daß sie Sie interessieren wird; ich bin auch sicher, daß sie Ihnen Mitleid einflößt, denn Sie haben ein gutes Herz, das liest man in Ihren Augen. Sie werden nachher urteilen, ob Sie meine Dienste, die ich Ihnen zu Füßen lege, zurückstoßen oder annehmen werden.”

 

Während dieser Rede bewegten sich die unruhigen Ohren des Hasen ohne Unterlaß. Er machte eher eine bestürtzte als eine erschreckte Miene. Als ich sah, daß er nicht antwortete, knüpfte ich geschickt meine Geschichte an, in der Hoffnung ihn zu rühren. Und welche Geschichte hätte ihn erschüttern können, wenn nicht die meine? Er schien mir in der Tat gerührt. Die Tränen kamen mir, und ich glaubte zu sehen, wie auch er sich die Augenwinkel mit einer verstohlenen Geste wischte. Als ich von meinem Entschluß sprach, mich der Weisheit zu widmen, sah ich ihn zum Zeichen der Zustimmung lebhaft seine Ohren heben und senken; aber als ich dazu überging, ihm die Angelegenheit vorzutragen, die mich quälte, als ich von der Langen Nacht sprach, von unserem Schlaf, vom Rätsel unseres Daseins, da ließ er ein tolles Lachen hören, wie es die Hasen so an sich haben. Es waren weniger die Ohren als der Schnurrbart, der sich dabei krampfhaft bewegte, und dessen er nicht mehr Herr zu werden schien. Ich hätte mich daran stoßen können, aber ich hielt mich zurück. Er weiß vielleicht Bescheid! Als ich meine Erzählung beendet hatte, blieb ich in der Haltung eines Bittenden mit gefalteten Pfoten. Er schaute mich starr an und sagte mit festerer Stimme, die mir bewies, daß er nur aus Angst gestottert hatte:

 

“Murmeltier, ich bemitleide Ihre Qualen, ich glaube, daß Sie aufrichtig sind. Kommen Sie morgen wieder. Wenn Sie mich morgen in meinem Lager finden, wollen wir versuchen, Freunde zu sein. Wenn nicht, dann suchen Sie mich nicht mehr.”

 

Ich verneigte mich tief und machte mich auf den Weg nach meinem Bau… Auf morgen also!

Vollmond

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Erster Tag

M.02.04.03.01 / M.110

Seid gelobt, ihr Götter, für das Glück, das ihr mir geschenkt habt. Alles Leid ist vergessen. Die andern Murmeltiere haben Weibchen und Junge, ich habe einen Freund.

 

Mit welcher Herzbeklemmung und mit welch ängstlicher Erwartung hatte ich den Weg zu seinem Lager wieder unter die Füße genommen. Ich glaubte zu sehen, daß er noch zitterte im Augenblick, da ich mich näherte; aber er beruhigte sich mit der Zeit und berührte sogar mein Halsband mit der Pfote. Diesmal mußte der Bann gebrochen werden. Er stellte mir noch viele Fragen über meine Erlebnisse. Ich antwortete auf alle ganz einfach und ohne Hemmung. So gewann ich sein Vertrauen.

 

“Ich werde Sie besuchen”, sagte er mir bei meinem Weggehen, “wir werden über die Weisheit sprechen.”

Dritter Tag

M.02.04.03.01 / M.111

Er ist gekommen und hat nicht gesprochen. Ich wollte ihm die Ehrenbezeigungen meines Baues erweisen, aber er rannte Hals über Kopf hinaus, vom ersten Raum weg, in dem er sich umdrehen konnte. Kaum draußen, sah er meine Nachbarn. Die Matrone saß auf ihrem Hinterteil und hob die Pfoten zum Himmel, um ihr Erstaunen kund zu tun. Ein Schneehase im Bau eines Murmeltiers! Der Gatte und die sechs Kleinen waren um sie herum versammelt und ahmten ihre Bewegungen nach.

 

“Es gibt keine Sicherheit bei Ihnen”, rief der Hase aus, “wenn Sie mit mir zusammen plaudern wollen, so kommen Sie in mein Lager. Ich werde mich nicht mehr davon entfernen!”

 

Nach diesen Worten rannte er in seiner raschesten Gangart davon zur großen Freude meiner Nachbarn. Ich glaubte es meiner Würde schuldig zu sein, ihm nicht zu folgen. Ich werde morgen wieder zu ihm gehen.

Vierter Tag

M.02.04.03.04 / M.112

Ich ging zu ihm, aber wir sprachen noch nicht über das große Problem. Ich brauchte all meine Zeit und Geschicklichkeit, um sein Vertrauen wiederzugewinnen. Er hat Abscheu vor unseren Bauen. Leben in dieser Dunkelheit, nicht die freie Luft atmen, immer kriechen, sich immer an den Wänden der allzu niedern Stollen beschmutzen: all dies erscheint ihm trostlos, auf einer niedrigen Stufe stehend und von einer schlechten Gemütsverfassung zeugend.

 

“Man kann nur beschränkte Gedanken in solch einem Bau haben” erklärte er mir ganz ernsthaft.

 

Ich antwortete ihm, daß dies unsere Lösung sei, um warm zu haben in den kalten Zeiten. Er machte eine Bewegung der Verachtung und zeigte mir seinen Pelz. Ich fügte hinzu, daß unsere Baue außerdem Zufluchtsstätten seien, und daß sie dazu dienten, uns vor den Nachstellungen unserer Feinde zu sichern.

 

“Wenn man Feinde hat”, rief er aus, “so muß man Augen besitzen, um sie zu sehen, Ohren, um sie zu hören und Füße, um sie zu fliehen.”

 

Ich hätte ihm sagen können, daß unsere Geschicklichkeit ebensoviel wert wäre wie seine Leichtfüßigkeit, aber ich zog vor, zuzugeben, daß er recht habe. Ich bat ihn, die zu bemitleiden, die von der Natur nicht so sehr begünstigt wurden wie er. Ich glaubte, daß ich durch Bescheidenheit und Nachgiebigkeit den gestrigen Eindruck auslöschen konnte. Ich wage aber doch nicht, mich zu sehr darauf zu verlassen. Der Abschied war nicht so herzlich wie am vorangehenden Tage. Ist es denn so schwierig, einen Freund zu haben und zu behalten?

Fünfter Tag

M.02.04.03.05 / M.113

Immer noch die Hunde. Das Leben ist eine Schule der Geduld.

Sechster Tag

M.02.04.03.06 / M.114

Ist es Licht geworden vor meinen Augen? Bin ich in noch tiefere Finsternis getaucht?

 

Ob dieser Hase ein Verrückter oder ein Weiser ist, ob er lügt oder die Wahrheit sagt, seine Worte haben mich furchtbar erregt. Ich weiß nicht, ob ich träume, ich weiß nicht, ob ich denke. Ich taste mich von neuem selbst ab, um mich zu versichern, daß ich lebe. All die Ideen treiben und wirbeln durch meinen Kopf. Ich kann keine einzige festhalten. Sie machen mich schwindlig.

Siebenter Tag

M.02.04.03.07 / M.115

Ich muß die denkwürdigsten Dinge dieser Unterhaltung aufschreiben, soweit sie mein Gedächtnis bewahren konnte.

 

Ich fürchtete einen kühlen Empfang; ich fragte mich sogar, ob er nicht sein Lager verlassen hatte, um diesen beschwerlichen Besuchen aus dem Wege zu gehen. So war ich mächtig erstaunt, ihn mit der freundschaftlichsten Miene mir entgegenkommen zu sehen.

 

“Ich bitte Sie um Verzeihung wegen der Ansichten, die ich gestern äußerte. Sie waren nicht sehr zuvorkommend. Ich dachte seither nach und begriff, warum Sie Ihrem Bau lieben. Es ist eine krankhafte Neigung. Man muß sie Ihnen nachsehen.”

 

“Meister Hase”, sagte ich ihm, “es scheint mir, daß ich nicht kränker bin als Sie.”

 

“Gegenwärtig haben Sie recht; die Krankheit, an der die Murmeltierrasse leidet, ist keine chronische. Kann man eine Rasse nicht krank nennen, die jedes Jahr tot ist während sechs, ja hie und da sogar sieben Monden von zwölfen?”

 

Er sah, daß ich nichts verstand.

 

“Ja”, fuhr er fort, “es ist eine Streitfrage unter den Schneehasen, ob die Murmeltiere im Winter schlafen, oder ob sie tot sind. Meine Ansicht geht dahin, daß es viele Stufen gibt zwischen dem Schlaf und dem Tod, und daß der Schlaf der Murmeltiere im Winter so sehr dem Tod gleicht, daß es unmöglich ist, ihn davon zu unterscheiden, – mit diesem Unterschied immerhin, daß die Murmeltiere wie durch ein Wunder zurückkehren, während man vom Tode nicht wiedererwacht.”

 

Nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte, schwieg der Schneehase. Auch ich blieb stumm. Die allerseltsamsten Gedanken wirbelten durch mein Hirn. Er brach als erster das Schweigen:

 

“Ich habe mich schlecht ausgedrückt, als ich sagte, man komme nicht vom Tode zurück; ich hätte sagen sollen, daß man bisher nicht gesehen hat, daß jemand davon wiedergekehrt wäre. Der Tod ist vielleicht nur ein sehr langer Schlaf, dessen Dauer man noch nicht ermessen kann. Wenn man von einem Schlafe von sechs Monden zurückkehrt, warum sollte man da nicht aus einem Schlafe mehrere Jahre, ja selbst mehrere hundert Jahre wiedererwachen?”

 

Diese merkwürdige Rede löste mir die Zunge.

 

“Meister Hase”, rief ich aus, “wollen Sie sich von meiner Offenheit bitte nicht betroffen fühlen, aber man sieht, daß Sie eher ein Träumer sind als ein Philosoph. Die Einsamkeit und die Trägheit verwirren Ihr Gehirn. Wer träumte, daß man von einem Todesschlafe zurückkehre, könnte auch träumen, daß wir sechs Monde schlafen.”

 

“Wenn Sie mir nicht glauben”, fuhr er fort, “wenden Sie sich doch an andere. Es fehlt nicht an Tieren in diesem Land, die Ihnen bezeugen werden, ob ich lüge oder die Wahrheit spreche.”

 

Ich wiederholte ihm nun die Worte, die mir Meister Dachs damals gesagt hatte. Sie gaben ihm Anlaß zu sehr großer Fröhlichkeit. Er behauptet, daß der Dachs genau so wie wir mindestens drei Monde verschlafe.

 

“So ist die Welt”, sagte er, “Wer einen Mond lang schläft, macht sich über den lustig, der zweie schläft. Wer dreie schläft, amüsiert sich über den, der sechse schläft und so weiter. Und weder die einen noch die anderen ahnen, daß auch sie schlafen.”

 

“Und Sie”, sagte ich ihm, “sind Sie sicher, daß Sie nicht schlafen?”

 

‘Ich bilde es mir nicht ein”, antwortete er mir. “Ich weiß nur, daß es sechs Monde gibt, da ich nicht schlafe, während ihr schlaft. Wenn ich zu einer andern Jahreszeit schlafe, während ihr wacht, so müßten Sie es eigentlich wissen, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich hierüber aufklärten.”

 

Diese Rede flößte mir Vertrauen ein. Ich legte ihm nun meine Meinung über die Lange Nacht vor und setzte ihm auseinander, durch welche Reihe von Überlegungen ich mich überzeugt hatte, daß die Lange Nacht lediglich eine Einbildung unseres Schlafes ist. Er schien sich sehr dafür zu interessieren.

 

“Sie haben recht”, sagte er mir, als ich geendet hatte. “Es gibt keine Lange Nacht, alle Nächte sind gleich lang oder vielmehr alle Nächte sind ungleich, aber nur um weniges. Sie verlängern sich und nehmen unmerklich ab. Man nennt die Reihe der Tage und Nächte, während denen ihr schlaft, Winter. Sie dauert nicht zwei Monde, wie Sie es vermutet haben, sondern sechs Monde, ja manchmal sogar mehr.”

 

Ich stieß wiederum einen Ausruf der Überraschung aus.

 

“Erlauben Sie mir”, fuhr er fort, “daß ich Ihnen nahelege, die philosophische Ruhe nicht zu verlieren! Der ist nicht würdig, die Wahrheit zu suchen, der nicht darauf vorbereitet ist, alles hören zu können. Also: Jedes Jahr zur Zeit, da die Sonne hinter den Bergen verschwindet, kehren die Murmeltiere in ihren Bau zurück und verfallen in einen Schlaf, der kein gewöhnlicher Schlaf ist.”

 

“Ich weiß”, sagte ich ihm, “es ist ein tieferer Schlaf, eine Art von Erstarrung.”

 

“Es ist mehr als ein Schlaf, es ist ein Tod. Man kann euch während dieser Zeit berühren, schütteln, packen, davontragen, selbst töten, ohne daß ihr ein Lebenszeichen von euch gebt.”

 

“Meister Hase”, rief ich nochmals aus, “mißbrauchen Sie die Überlegenheit nicht, die Ihnen unsere Schwäche gibt.”

 

“Herr Philosoph”, antwortete er mit einer immer gleich unerschütterlichen Ruhe, “am Beweisen wird es Ihnen nicht fehlen, wenn Ihnen die meinen verdächtig sind. Dieser Schlaf, der eine Art von Tod ist, dauert, wie ich Ihnen sagte, sechs Monde. Mit einiger Logik im Nachdenken hätten Sie selbst darauf kommen dürfen. Eine Parallele zwischen den Murmeltieren und den Gemsen ist Nonsens. Die Gemse trägt während fünf Monden. Sie rechneten nur zwei Monde für die Verwandlung unseres Pelzes; aber wir sind ebensolange weiß wie wir rothaarig sind, das heißt während vier Monden. Während dieser vier Monde würden wir uns ganz dem Schnee anpassen, selbst in den Augen des Adlers, wenn wir nicht die zwei verfluchten Flecken an den Ohrenspitzen besäßen, die man über den Schnee huschen sieht. Sie haben sehr richtig gedacht, daß sie eigentlich verschwinden müßten. Sie sollten auch verschwinden. Es liegt sicherlich im Plane der Natur, daß wir weiß werden wie der Schnee. Aber die Natur hat, wie es scheint, zu viel zu tun, um alles zu vollenden, was sie unternimmt. Sie beginnt und beendet nicht. Schauen Sie einmal näher zu, dann werden Sie in vielen Dingen diesen berühmten schwarzen Fleck an den Ohrenspitzen finden.”

 

So sprach der Schneehase zu mir.

Letztes Viertel

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Erster Tag

M.02.04.04.01 / M.116

Ich habe gestern über das erste Gespräch des Schneehasen berichtet. Es machte mir solchen Eindruck, daß ich erst nicht wußte, was darauf zu antworten. Der Hase saß vor mir, blickte mir gerade ins Gesicht und lächelte immerfort. Dieses ruhige Lächeln wurde mir unerträglich. Ich war dem Ersticken nahe und entfernte mich, um Luft zu schnappen. Ich machte einen langen Spaziergang, ich weiß nicht mehr, nach welcher Seite. Wiederum glaubte ich die Hunde bellen zu hören. Aber was kümmerten mich die Hunde? Endlich fühlte ich mich durch einen unwiderstehlichen Zwang zum Lager des Hasen zurückgeführt. Ich hatte meine Gedanken gesammelt und glaubte Mittel und Wege gefunden zu haben, um seine Beweise samt und sonders zu widerlegen. Ich täuschte mich. Er fand auf alles eine Antwort. Entweder träumt er, oder er täuscht sich, aber er ist gutgläubig. Er lügt nicht.

Zweiter Tag

M.02.04.04.02 / M.117

Der Hase behauptet, wir seien nicht die einigen, die während der Zeit, die er “Winter” nennt, schlafen. Er sagt, daß die Vipern schlafen, die Siebenschläfer, die Bären und wahrscheinlich noch viele andere, abgesehen natürlich von den Dachsen. Aber wir seien es, meinte er, die von allen Bergbewohnern am längsten und tiefsten schliefen.

 

Er behauptet ferner, schon mehr als einmal beobachtet zu haben, mit eigenen Augen, wie die Menschen im Winter, mit sonderbaren Werkzeugen bewaffnet, die Erde aufgraben. Er versichert weiter, gesehn zu haben, mit eigenen Augen, wie sie unsere Bauen öffnen und eine ganze Familie oder gar einen ganzen Stamm im Schlafe ausnehmen, Vater, Mutter und Kinder. Die Menschen tragen sie mit sich fort, als wären es Steine. Mein Abenteuer hätte also nichts Außerordentliches an sich, außer in einem Punkte. Es war das erste und einzige Mal, daß ein auf diese Weise verschlepptes Murmeltier wieder in die Berge zurückgekehrt ist.

Dritter Tag

M.02.04.04.03 / M.118

Es ist wunderlich, was der Hase alles zum Thema “Winter” zu erzählen weiß. Er spricht mit einiger Überhebung davon, wenn er sich auch entschuldigt, da er uns für unfähig hält, seine Begeisterung zu teilen.

 

Der Winter, sagte er, ist eine Jahreszeit, die keiner anderen gleicht, wohl die kälteste, aber zugleich die schönste. – Ich begreife in der Tat nicht, wie das, was kalt ist, schön sein kann. – Es regnet nie im Winter, es schneit. Es schneit derart, daß man keinen Felsen, keinen Stein mehr sieht im ganzen Tal. Die steilsten Gipfel werden weiß. Alles ist weiß, alles ist Schnee. Wenn es nicht schneit, ist der Himmel von einem dunkleren Blau als im Sommer; er ist auch viel starker mit Sternen besät. Man sieht sie sogar am heiter hellen Tag, so sehr funkeln sie.

 

Er gibt zu, daß die winterlichen Ernährungsschwierigkeiten im Schnee, der das Gras bedeckt, ihre Ursache haben; aber man fände immer Mittel und Wege zum Leben. Ich glaube es wohl. Sie sind eben nicht wählerisch, diese Schneehasen, sie haben keine Blumen nötig zum Leben. – Der Wind fege den Schnee von irgendeinem Grate und lege ihn frei. Sogleich begebe sich die ganze Hasenschaft des Umkreises dorthin, um zu weiden. Das Gras sei zwar verwelkt und schimmelig, aber man brauche im Winter herzlich wenig; überdies hat man keinen Durst. Eine andere, kostbarere Hilfsquelle seien die Haufen abgeschnittenen Grases, die der Mensch sorgfältig um eine lange Stange herum aufschichtet. Man schaffe sich dort ein weiches Nest, man krieche hinein, man grabe noch wärmere Stollen als die unsrigen. Es sind die einzigen Baue, die die Schneehasen kennen. Wenn das Wetter schlecht sei, so verdösen sie dort den Tag und brauchen sich um einen guten Tisch nicht zu sorgen. Das nennt er einen guten Tisch führen! Wenn das Wetter schön sei, machen sie lange Ausflüge auf dem glitzernden Schnee und kehren erst abends heim. Das Abendessen sei ja immer bereit.

 

Es mache – meint er weiter – den Reiz des Winters aus, daß man überall hin könne, ohne immer den Jäger und seine Hunde von seiner Spur abbringen zu müssen. Wenn sich der Schnee einmal festgesetzt habe, erscheine der Mensch nicht mehr in den Bergen, und die Sicherheit wäre vollständig, wenn nicht die Adler und die Geier wären. Sobald man am Himmel einen beweglichen Punkt erblicke, grabe man sich in den Schnee ein und baue eine Höhle.

 

Als ich den Hasen so in Stimmung sah, konnte ich meine Glossen über das verwelkte und verschimmelte Gras und über diese “schöne”, hundekalte Jahreszeit nicht unterdrücken. Es war das einzige Mal während dieses langen Tages, an dem so viele Dinge gesprochen wurden, daß ihn die Ruhe verließ.

 

“Ich bemitleide Sie”, antwortete er mir, “jawohl, ich bemitleide Sie, daß Sie den Winter nicht kennen. Sie suchen die Wahrheit und tun recht daran; aber wenn Sie sich einen Philosophen nennen und dennoch schlafen, so beweisen Sie ziemlich klar, daß Sie von der Philosophie keine blasse Ahnung haben. Die Philosophie besteht nämlich nicht darin, zu schlafen, sondern zu wachen. Die schönen Wintertage sind ja gerade die Tage, da es sich am besten philosophieren läßt. Ihr schlaft dann, ihr falschen Grübler, wie, die echten, wachen. Wir sind allein auf der verlassenen Alp, allein unter dem weiten Himmel. Wir sind die einzigen, die sich in der erstarrten Natur bewegen, sind die einzigen, die in diesem allgemeinen Schweigen atmen. Im Sommer gibt es keine Ruhe, wenn die Natur arbeitet und der Mensch die Unruhe, die er mit sich bringt, bis in die fernsten Einsamkeiten trägt. Die Menschen haben das Bedürfnis, einander zu hören, darum leben sie zusammengedrängt in Städten und Dörfern. Im Sommer ist alles Stadt, alles Lärm, selbst die Berge. Im Winter, wenn die Luft ruhig ist, brauchen wir bloß den Atmen anhalten, und die Stille ist vollkommen. Die Natur schläft, die Seele allein wacht. Dann kommen die großen Gedanken  über einen. Sprechen  wir nicht vom Frühling, dieser Jahreszeit der Schwächen. Der Hase ist sich selbst genug im Winter. Ein philosophischer Einsiedler ist er dann und ein König der Berge. Stört ihn nicht, ihr unterirdischen Wühler und quält ihn nicht mit zudringlichen Fragen. Ihr fragt ihn, was der Winter ist. Soll er es euch sagen? Gibt es denn überhaupt eine gemeinsame Sprache zwischen euch und ihm? Könntet ihr das in Gedanken sehen, was er mit seinen lebendigen Augen sieht? Lebt einmal einen Winter lang mit ihm, atmet mit ihm diese schweigsame Luft, und ihr werdet wissen, was der Winter ist. Wenn ihr ihn aber nicht kennt, so haltet besser euren Mund. Wer schläft, der soll gefälligst schweigen.”

 

Also sprach der Schneehase, und seine Reden überzeugten mich. Er hat recht. Wach sein ist der Weg und die Vorbedingung aller Erkenntnis.

Siebenter Tag

M.02.04.04.07 / M.119

Die Tage gehen vorüber. Ich lasse mir die Reden des Schneehasen immer wieder durch meinen armen Kopf gehen. Wo ist die Wahrheit, wo der Irrtum?

 

Ich nehme es jetzt als bewiesen an, daß die Lange Nacht keine endlose , ununterbrochene Nacht ist, sondern eine Reihe von ganz normalen Tagen und Nächten, die langsam wachsen und abnehmen. Bis zur Möglichkeit durch den Erfahrungsbeweis stelle ich diesen ersten Punkt außer Frage.

 

Was die Dauer unseres Schlafes betrifft, so muß ich anerkennen, daß viel Wahrscheinliches in den Folgerungen des Schneehasen liegt. Was er weiter erzählte vom Wechseln seines Pelzes, hat mich betroffen. Ich habe keinen Grund, seine Angaben anzuzweifeln. Ich sehe übrigens nicht ein, warum wir nicht drei, vier, fünf, ja sechs Monde lang schlafen sollten gerade so gut wie zwei. Es ist ein wenig wunderbar, das gebe ich zu, und die Sache ist bei aller Phantasie nicht so einfach zu verstehen, aber ausgeschlossen ist es jedenfalls nicht.

 

Dagegen sträube ich mich aber, daß dieser Schlaf sich nicht anders vom Tode unterscheiden soll als durch das schließliche Erwachen. Kann es einen solchen Schlaf geben? Meister Hase mag es wohl behaupten, aber jedes Wort glaube ich ihm doch nicht. Wir schlafen; gut; aber unser Blut fließt noch, wenn auch langsamer. Wir atmen, es ergeben sich Stoffumwandlungen in unserem Körper, die keine Zersetzungen sind. Mit einem Wort, wir leben! Wie kann er da behaupten, daß wir nichts weiter seien als ein fühlloses totes Stück Fleisch, mit dem man machen kann, was man will? Was lebt, lebt und ist nicht fühllos. Das soll er anderen weismachen, daß dieser Schlaf der Tod ist, aber ein Tod, von dem man zu gegebener Zeit wieder aufersteht.

E. Rambert: La marmotte au collier (1889)

übers. A. Graber: Das Murmeltier mit dem Halsband (1929)

The Marmot with the Collar
A Trilingual Edition

Part 02.04 (Deutsch)

Richard L. Hewitt
Kamuzu Academy, Malawi

2020