Das Murmeltier mit dem Halsband
Tagebuch eines Philosophen

Trockenmond
Zweiter Sommer

M.02.05.01.01 / M.120 - M.02.05.03.04 / M.131

SPRACHE

Deutsch

Neumond

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Erster Tag

M.02.05.01.01 / M.120

Es gibt Augenblicke, in denen alles wieder in Ungewißheit zurückfällt, selbst das, was ich bewiesen glaubte, und was außer Zweifel stand. Diese Schneehasen wissen nicht, was ein Murmeltierauge ist. Sagte er nicht, daß es dunkel sei in meinem Bau? Das sind Äußerungen eines Träumers, der die Nacht in seinem Lager verbringt! Sie haben ja keine Augen. Wenn sie in einem Bau wie dem unseren wohnten, würden sie sehen können, daß die Sonne aufgeht? Sie würden nicht nur sechs Monde lang schlafen, sondern zwölf, wenn es wahr ist, daß das Jahr zwölf Monde hat. Uns entgeht kein leisester Lichtschimmer. Ein verstohlener Strahl füllt meinen Bau stets mit Licht. Nein, er macht sich keine Vorstellung davon, dieser traurige Bewunderer des Winters, was die Sonne für ein Murmeltier bedeutet. Die Sonne ist unser Leben. Wenn sie wiedererscheint nach der Langen Nacht, erzittern wir selbst im Schoß der Erde… Es ist einfach nicht möglich, daß die Sonne hundert oder zweihundert Male über die Berge steigt und unsere Bauten anleuchtet, und daß kein Murmeltier davon eine Ahnung haben sollte.

 

Ich weiß wirklich nicht, was glauben.

Zweiter Tag

M.02.05.01.02 / M.121

Ich weiß es: er lügt nicht, aber er träumt. Ich kam selbst zu der überraschenden Einsicht, daß auch ich träume, ja, daß wir alle träumen, daß jeder nach seiner Art in seinem Lager oder in seinem Bau träumt. Der Schneehase träumt, daß es einen Winter gibt, daß während dieser Zeit die Sonne aufgeht, daß er sie aufgehen sieht; das Murmeltier träumt, daß es eine Lange Nacht gibt, während der sich seltsame Dinge ereignen. Er träumt, daß er wacht, und ich träume, daß ich schlafe.

Dritter Tag

M.02.05.01.03 / M.122

Ich werde morgen zum Lager des Hasen zurückkehren und ihm ein Bündnis vorschlagen. Wenn er mein Freund ist, und wenn es wahr ist, daß wir einen todesähnlichen Schlaf schlafen, so soll er mich im Winter besuchen und mich wecken. Wir werden dann zusammen schauen gehen, wie die Murmeltiere schlafen. Anders werde ich mich nie überzeugen lassen. Ich will sehen, bevor ich glaube.

Vierter Tag

M.02.05.01.04 / M.123

Ich führte meinen Besuch aus und kehre wenig erbaut davon zurück.

 

Er war sehr artig; er kam mir entgegen und duzte mich sofort, wie es ein Freund tun würde, ja fast wie ein Vater.

 

“Du flößest mir ein brüderliches Mitleid ein”, sagte er mir, “ich liebe dich so sehr, wie ein Schneehase überhaupt einen schwarzen Bewohner eines Erdloches lieben kann. Verzichte auf diese schmutzigen Schlupflöcher, teile mein Lager mit mir, dann will ich dich lieben wie mich selbst.”

 

Ich benützte seine gute Laune, um ihm meinen Vorschlag darzulegen. Beim Zuhören schnitt er aber recht sonderbare Grimassen, und seine Ohren wurden von merkwürdigen Zuckungen erfaßt. Er stellt sie auf und wirft sie lebhaft nach hinten, wenn er zeigen will, daß eine Sache ihm mißfällt, oder daß er nicht daran glaubt.

 

“Mein Sohn”, sagte er, “ich bin bereit, für dich alles zu tun, was einem Schneehasen möglich ist, aber verlange nicht von mir, was nur die Götter können, die Sonne und vielleicht die Menschen. Ich kann dich wohl töten in deinem Winterschlaf, aber ich kann dich nicht aufwecken.”

 

“Du wirst mich schütteln, bis ich wach werde.”

 

“Da kann ich lange rütteln, wenn dein Schlaf sechs Monde dauern muß, so wird er sechs Monde dauern.”

 

“Du wirst deine Krallen schärfen und sie mir ins Fleisch hauen.”

 

Er schüttelte den Kopf.

 

“Du wirst mich in die Pfoten beißen, in die Ohren, überall hin.”

 

Er schüttelte den Kopf.

 

“Du wirst diesen Bart ausreißen, der sich kräuselt wie kein anderer Murmeltierbart.”

 

Er schüttelte den Kopf.

 

Nun fühlte ich den hellen Zorn in mir aufsteigen.

 

“Deine Ausflüchte täuschen mich nicht”, rief ich aus. “Nun habe ich deine Lügen aufgedeckt und deinen Dünkel an den Tag gebracht. Wer bist denn du, daß du dir das Recht herausnimmst, das alte und edle Geschlecht der Murmeltiere so schmachvoll zu behandeln? Mit unserer Geschicklichkeit stecken wir dich samt deiner Leichtfüßigkeit hundertmal in die Tasche. Wir sind die Hellsichtigen, mein Lieber, nicht du. Du brauchst die volle Sonne, um zu sehen, armer Blinder! Wir aber sehen auch tief im Schoß der Erde. Wir schlafen, das ist wahr, aber wir sind nicht fühllos, unser Herz schlägt wie immer, und ich selbst habe seine Pulsschläge gezählt.”

 

Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als ich auch schon ihre zu große Heftigkeit bereute; aber der Hase schien nicht beleidigt.

 

“Ich weiß nicht, was in deinem Herzen vorgeht”, fuhr er fort, “meine Beobachtungen sind nicht bis dorthin vorgedrungen, aber das eine weiß ich, daß ihr im Winter gefrorene Fleischstücke seid, die erst von der Sonne im Frühling aufgetaut werden. Wenn du willst, daß ich dir ein eingeschlafenes Murmeltier zeige, so komm in mein Lager und trachte darnach, selbst nicht einzuschlafen.”

 

Nein, ich werde sein Lager nicht teilen. Dieser Schneehase ist ein Egoist und ein Phantast. Warum kommt er nicht zu mir, um meinen Bau zu teilen? Mich schaudert vor diesen elenden Hasennestern.

Fünfter Tag

M.02.05.01.05 / M.124

Es ist eigentlich lustig, wenn er von unseren dreckigen Löchern spricht. Das Murmeltier, Meister Hase, ist das reinlichste Tier der Berge, während Sie…! Doch genug.

Siebenter Tag

M.02.05.01.07 / M.125

Mir kommt ein guter Einfall. Ich werde ihn morgen doch um Gastfreundschaft bitten, wenigstens für einige Tage. Diese erstarrten Körper und diese Sonne, die sie auftauen soll, gehen mir nicht aus dem Kopf.

Erstes Viertel

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Erster Tag

M.02.05.02.01 / M.126

Katastrophe, Mord, Schandtat! Er war mein Freund. Ich werde tiefe Trauer während acht Tagen, wie ein Gatte für seine Frau, ein Kind für seinen Vater.

Vollmond

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Zweiter Tag

M.02.05.03.02 / M.127

Die für die Trauer vorgeschriebenen Tage sind vorbei. Ich habe während dieser Zeit keine Pfote gerührt, keine Arbeit getan. Ich habe getrauert.

 

O, Vorsehung der Götter. So habt ihr also während der ganzen Zeit Gerechtigkeit ausgeübt! Die Unschuldigen werden nur geboren, damit die Bösewicht fett werden.

 

Ich hatte den Weg gegen sein Lager eingeschlagen und lief, was ich konnte. Ich hatte mich nicht nur an den Gedanken gewöhnt, einge Nächte in seinem Lager zu verbringen, ich sah sogar darin die prickelnde Anziehungskraft des Neuen. Ich war geradezu ungeduldig, mit ihm gemeinsam diese frierenden und wieder auftauenden Körper zu beobachten. Weiter hatte ich mir vorgenommen, ihn um Verzeihung zu bitten für die etwas unbedachten Äußerungen, die mir in meinem Zorn entschlüpft waren. Ich marschierte also in munterem Schritt, ohne immerhin die Vorsichtsmaßnahmen zu vergessen, die ein alter, fünfmaliger Familienvater zu treffen gewohnt ist. Ich suchte die gut gedeckten Orte und faßte wie immer irgendeinen nahen Unterschlupf ins Auge. Wenn ich mich der Sicht vom Himmel her aussetzen mußte, hob ich zuerst die Augen, um mich zu versichern, ob nichts Verdächtiges in der Luft schwebte. Alles ging gut bis zu einem letzten Felsblock, von dem aus ich das Lager meines Freundes sehen konnte. Ich schlüpfte einen Augenblick unter. Er sah mich und stürzte mir unbessonen entgegen. Ich ließ einen schneidenden Pfiff hören; ich hatte eben einen Punkt entdeckt, der sich zwischen den Wolken bewegte. Es war zu spät. Ich wurde wie betäubt vom Geräusch großer Flügel und sah einen schwarzen Vogel schneller als ein Blitz auf seine Beute herabstürzen. Der Hase hatte sich vor Schreck wie tot auf dem Boden ausgestreckt. Es nützte ihm nichts. Er hing zwischen den Krallen des Geiers, der ihn davontrug. Ich folgte ihm mit den Augen. Er machte keine Bewegung. Mit gesenktem Kopf und hängenden Ohren schien er ruhig und gefaßt sich in sein Geschick zu fügen.

Dritter Tag

M.02.05.03.03 / M.128

Ich werde dem Schneehasen ein treues Andenken bewahren. Er hatte zwar eine zu hohe Vorstellung von den Rassen, die ein Lager besitzen und verachtete zu sehr die, die sich Baue graben. Er hatte auch zuviel Vertrauen in seine Leichtfüßigkeit, und das wurde ihm zum Verderben. Aber er war ein guter Kerl, er schätzte die Philosophie, er hatte einen erfinderischen und enthusiastischen Geist und er verstand Beleidigungen zu verzeihen. Er liebte mich wirklich. Er rannte mir aus einer spontanen Freundschaftsregung entgegen und fand so den Tod. Ich werde ihn immer vor mir sehen, wie er unbeweglich zwischen den Krallen des Geiers hing.

 

Es braucht Zeit, um sich zu verstehen und sich einander anzupassen, wenn man ererbte Angewohnheiten hat und wenn die Charaktere derart verschieden sind. Ich glaube dennoch, daß wir schließlich wie Brüder gelebt hätten. Die gemeinsame Suche nach der Weisheit der Dinge ist die stärkste aller Bindungen. Möge deine Seele in Frieden ruhen, du einziges Wesen auf der Welt, das mir seit meinem Unglück wohlgesinnt war. Du, der du der Vertraute meiner geheimsten Gedanken hättest werden können, der Gefährte meiner Arbeit, mein Führer vielleicht auf den rauhen Pfaden der Erkenntnis. Die Götter waren streng; sie trennten uns im Augenblick, als eine engere Freundschaft uns vereinen wollte. Sie zeigten nur den einen dem andern. Mögen sie doch wenigstens Mitleid mit dir gehabt haben im Tode, mögen sie dein Leiden abgekürzt haben! Mögen sie von allen Stimmen der Erde nur die meiner Trauer und meiner unwandelbaren Freundschaft zu deiner Seele gelangen lassen.

Vierter Tag

M.02.05.03.04 / M.129

Ich fühle mich unfähig, den Faden meiner Gedanken wieder aufzunehmen. Mein Hirn ist leer, und die Welt scheint mir verödet.

Letztes Viertel

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Zweiter Tag

M.02.05.04.02 / M.130

Die Tage folgen einander, und der Mut kehrt mir nicht wieder. Ich habe noch nie ein solches Gefühl der Einsamkeit verspürt.

Vierter Tag

M.02.05.04.04 / M.131

Ich unternahm heute einen Ausflug, um mich zu zerstreuen und die schweren Gedanken zu verjagen. Ich hatte die Absicht, die Dent Noire zu besteigen, den höchsten Gipfel des Tales. Ein Gewitter zwang mich zur Umkehr.

E. Rambert: La marmotte au collier (1889)

übers. A. Graber: Das Murmeltier mit dem Halsband (1929)

The Marmot with the Collar
A Trilingual Edition

Part 02.05 (Deutsch)

Richard L. Hewitt
Kamuzu Academy, Malawi

2020