Das Murmeltier mit dem Halsband
Tagebuch eines Philosophen

Teil III - Magerer Mond
Dritter Sommer

M.03.03.01.05 / M.204 - M.03.03.04.01 / M.220

SPRACHE

Deutsch

Neumond

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Fünfter Tag

M.03.03.01.05 / M.204

Meine Frau findet, daß dieser Umzug zu lange dauert. Ich werde ihr einige Tage rückhaltlos widmen, um nachher die nötige Freiheit zu haben.

Siebenter Tag

M.03.03.01.07 / M.205

Ich altes Murmeltier und fünfmaliger Familienvater, habe einen unverzeihlichen Blödsinn begangen, wie er nur einem Kind oder einem Philosophen passieren kann. Ich trage die Folgen.

 

Der Zufall ließ uns eines Tages dem Schneehasen begegnen, der weder überrascht noch erschreckt über mein Halsband schien. Ich glaube, er ist der Bruder meines verstorbenen Freundes. Vielleicht bin ich ihm nicht unbekannt. Ich warf ihn einen freundlichen Gruß zu, den er sogleich zurückgab. Meine Frau nickte leicht mit dem Kopf.

 

Als er vorbei war, lenkte ich das Gespräch auf seinen verstorbenen Bruder. Obgleich meine Frau meine Studien und Überlegungen als Quatsch behandelt, so hat sie doch gern, wenn ich ihr davon erzähle. Sie ist von ihrem Geschlecht, also neugierig. Ich verbarg ihr den Kummer nicht, den mir der Verlust des Freundes und Forschers verursacht hatte. Wir sprachen bei dieser Gelegenheit über die Weisheit, und da mein Weibchen in bester Laune war, wagte ich einige Späße über die Verrücktheit der Philosophen, die heiraten, um Erkenntnis zu zweit zu suchen. Sie fand Antwort auf alles, immer anmutig und reizend.

 

“In der Tat”, sagte sie, indem sie mir schön tat, “wer hindert dich, zu zweit zu suchen?”

 

Ich ging plump in die Falle.

 

“Wie”, sagte ich, “du könntest…?”

 

Ich konnte nicht enden, die Worte fehlten mir.

 

Sie ermutigte mich, ihr mein Herz zu öffnen. Ich war so naiv, es zu tun. Ich bat sie, mir einen Freund zu gewähren.

 

Sie hörte mir mit einem Ausdruck zärtlichen Wohlwollens zu, ohne mich auch nur einen Moment den losbrechenden Sturm ahnen zu lassen.

 

Als ich geendet hatte, änderte sich ihr Gesicht plötzlich.

 

“Herr Philosoph”, sagte sie mir kühl, “ich danke Ihnen, daß Sie mir Ihr Herz geöffnet haben. Jetzt kenne ich Sie. Nun lerne auch mich kennen. Ich bin keine von den Frauen, die, einmal verheiratet, noch Freundinnen brauchen und Gesellschaften und Klatschereien. Ich gebe mich ganz, und ich verlange, daß man sich mir ganz gibt. Es ist an dir, zu wählen. Du besitzest alle meine Gedanken; wirst du mir endlich auch all die deinen geben?”

 

Ich sah, daß ich getäuscht worden war, und war außer mir vor Zorn.

 

“Meine Liebe”, antwortete ich, “wenn man, wie ich, zum zweitenmal und wie Sie zum sechstenmal verheiratet ist, so ist es ziemlich schwierig, nur an eine Person zu denken.”

 

Nun aber entluden sich alle Blitze des Himmels über meinem Haupt.

 

“Ja”, rief sie aus, “ich habe fünf Gatten gehabt, und du bist der sechste. Glaube nicht, daß ich dies verberge oder mich dessen schäme, jeden zu seiner Zeit geliebt zu haben. Denn ich habe sie alle geliebt, Undankbarer, alle so sehr wie dich. Denke nur nicht, daß ich um der Liebe des sechsten willen die fünf anderen aus meinem Gedächtnis tilge! Sie besitzen alle ihren gleich geheiligten Platz. Wenn der erste am Leben geblieben wäre, so hätte ich ihn allein mein ganzes Leben lang geliebt, und so auch jeden der andern. Ich habe sie alle aufrichtig beweint, wie ich dich selbst beweinen würde, wenn du sterben solltest, wovor uns der Himmel behüten möge! Aber ich bekenne, es gibt Spannkraft in meinem Herzen, und die Witwenschaft ist nicht mein Fall. Ich muß lieben, ich muß immer lieben. Ist es mein Fehler, wenn die Natur mir ein Herz geschenkt hat, das sich stets verjüngt? Ich erröte nicht, weil ich den Naturgesetzen gehorche. Ich verehrte die Natur in jedem, der mein Lager teilte. Die Liebe tröstet sich durch die Liebe. Es gibt keine andere Tröstung. Was ist deine Philosophie? Da müssen Generationen einander folgen, da müssen die Breschen des Todes ewig wieder aufgefüllt werden. Es gibt nur ein Verbrechen, und das ist die Unfruchtbarkeit. Darum habe ich mich stets wieder hingegeben, und darum habe ich mich auch immer wieder ganz gegeben. Ich gehöre dir nicht nur zur Hälfte; ich behalte nicht einen Teil von mir zurück für einen Schneehasen oder eine sogenannte Weisheit. Aber ich sehe, was los ist. Du hast nicht die Kraft zu lieben. Du hast ein mattes Herz und ein kraftloses Blut. Du lebst von Zerstreuungen. Du hast eine Frau und du brauchst einen Freund, um mit ihm nach der Weisheit zu forschen. Was bleibt dir da noch übrig für deine Frau?... Hier ist mein Herz. Ich kann keine zwei Teile daraus machen. Gib mir auch dein ganzes Herz, oder jedes von uns soll seiner Wege gehen.”

 

Ich muß es bekennen, meine Frau war prachtvoll in ihrem Grimm. Sie besitzt einen göttlichen Zorn ebenso wie ein göttliches Lächeln. Dennoch fühlte ich das Unrecht, das sie mir antat, nicht weniger lebhaft. In diesem Augenblick bewunderte ich sie und haßte sie zugleich.

 

Ich antwortete, daß diese Art, vor die Wahl gestellt zu werden, für mich überraschend sei, daß ich nie gehört hätte, daß eine unschuldige Freundschaft oder aufrichtige Studien unvereinbar seien mit dem heiligen Stand der Ehe. Ich wolle überlegen, bevor ich einen Entschluß fasse.

 

Sie zuckte die Achseln.

 

Ich verließ sie mit der Versicherung, daß ich ihr in drei Tagen Antwort geben werde.

 

Der erste der drei Tage ist vorüber.

Erstes Viertel

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Erster Tag

M.03.03.02.01a / M.206

Ich suchte Unterschlupf für die Nacht in der Grotte.

 

Ich bin der unglückseligste aller Gatten. Ich habe eine Frau, die mich zu sehr liebt.

Am selben Tag

M.03.03.02.01b / M.207

Ich verbrachte den Nachmittag damit, den Rest meines Schatzes in die Grotte zu tragen. Alles ist jetzt oben und geschützt für die kommenden Geschlechter. Wenn die Götter wollen, daß meine Drangsale diesen bekannt werden, so werden sie ihnen den Weg zur Grotte mit den violetten Kristallen weisen.

Zweiter Tag

M.03.03.02.02a / M.208

Meine Frau ist unerbittlich, sie wird keinen Schritt zu einem Entgegenkommen tun.

Am selben Tag

M.03.03.02.02b / M.209

Ich habe meinen Entschluß gefaßt. Sie ist stärker als ich. Ich könnte ihr weder standhalten noch ohne sie leben.

Dritter Tag

M.03.03.02.03 / M.210

Ich sprach zu meiner Frau mit Ruhe und Würde. Ich bat sie, einige Rücksicht auf meine Schwächen zu nehmen, an mein Alter zu denken, an die Macht der eingewurzelten Gewohnheiten. Ich bat sie, mir jeden Tag eine Viertelstunde für das zu gewähren, was sie Hirngespinste nennt.

 

Ich spürte den Tod in der Seele. Vielleicht sah sie, daß ich litt. Vielleicht wurde sie auch gerührt durch meine demütige Haltung. Ich fand sie nachgiebiger als ich hoffte.

 

Eine Viertelstunde! O Philosophie, soviel bleibt mir jetzt noch für dich übrig.

Vierter Tag

M.03.03.02.04 / M.211

Was werde ich mit diesen Viertelstunden anfangen? Ich habe die erste beim Träumen verbracht.

Fünfter Tag

M.03.03.02.05 / M.212

Ich versuchte den Faden meiner Gedanken wieder aufzunehmen. Es gelang mir nicht.

Sechster Tag

M.03.03.02.06 / M.213

Für gewöhnlich nehme ich meine Viertelstunde beim Sinken des Tages. Ich sehe die letzten Sonnenstrahlen verlöschen und horche auf das Donnern des Wildbaches.

Siebenter Tag

M.03.03.02.07 / M.214

Ein Mond ist heute verflossen, seit ich meine bewundernswerte Frau geheiratet habe. Ich bete sie immer noch an, sie liebt mich, und wir sind nicht glücklich.

Vollmond

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Erster Tag

M.03.03.03.01 / M.215

Ein Mond ist heute verflossen, seit ich auf meine Tafeln schrieb:

 

“Der schönste Tag meines Lebens ist vorüber. Es werden andere folgen, die nicht weniger schön sein werden.”

Zweiter Tag

M.03.03.03.02 / M.216

Ich denke nicht, ich schreibe nicht, ich weine. Ich weine in Freiheit eine Viertelstunde im Tag. Dies ist das letzte Glück, das mir bleibt. Jede andere Freude ist mir vergällt.

Vierter Tag

M.03.03.03.04 / M.217

Meine Frau mißt die Viertelstunde. Wenn sie vorbei ist, pfeift sie oder kommt zu mir. Ist es Leidenschaft, ist es Zerstreuung? Ich weiß es nicht. Aber die Viertelstunden meiner Frau haben nicht ihr Maß.

Sechster Tag

M.03.03.03.06 / M.218

Meine Frau verliert entschieden das Maß der Zeit.

Siebenter Tag

M.03.03.03.07 / M.219

Ich schenke meiner Frau jeden Tag dreiundzwanzig und dreiviertel Stunden. Ich behalte für mich eine Viertelstunde. Diese Vertelstunde ist nichts, und gern sagt sie, würde sie mir mehr gewähren. Aber was sie hart ankommt, ist, daß die Viertelstunde eine erworbenes Recht darstellt. Diese Viertelstunde ist alles und die dreiundzwanzig und dreiviertel Stunden nichts. Sie würde sie für diese Viertelstunde hingeben.

 

Arme Viertelstunde.

Letztes Viertel

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Erster Tag

M.03.03.04.01 / M.220

Ich habe mich entschlossen, zu entsagen. Es gibt keine Würde in diesem Kampf.

 

Ich bitte die Götter, mir zu verzeihen. Ich hatte ein vermessenes Gelübde abgelegt.

 

Ich liebe die Weisheit immer noch, ich liebe sie so heiß wie je. Der glühendste all meiner Wünsche wäre, mit meiner Frau die Lange Nacht zu durchwachen.

 

Es ist ein großes Opfer. Ich bringe es für sie. Ich liebe sie deshalb nicht weniger. Ich versuche mich zu überreden, daß sie das gute Teil erwählt habe.

 

Seltsamer Zwiespalt zwischen dem Leben und dem Denken!...

 

Ich muß ja leben.

 

Aber ich fühle sehr wohl, daß ich daran sterben werde.

E. Rambert: La marmotte au collier (1889)

übers. A. Graber: Das Murmeltier mit dem Halsband (1929)

The Marmot with the Collar
A Trilingual Edition

Part 03.03 (Deutsch)

Richard L. Hewitt
Kamuzu Academy, Malawi

2020