Das Murmeltier mit dem Halsband
Tagebuch eines Philosophen

Teil III - Liebesmond
Dritter Sommer

M.03.02.01.01a / M.175 - M.03.02.04.06 / M.203

SPRACHE

Deutsch

Neumond

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Erster Tag

M.03.02.01.01a / M.175

Der Liebesmond kündet sich schlecht an. Der Gatte meiner Nachbarin ist plötzlich gestorben. Sie spielten eben ausgelassen miteinander, als ihn ein Schlagfluß traf und er umsank.

 

Sie hat kein Glück, alle ihre Gatten sterben.

Am selben Tag

M.03.02.01.01b / M.176

Ich floh, um nicht abgelenkt zu werden durch die Wehklagen, die das Nachbarhaus erfüllen. Meine Flucht brachte mir einen wunderschönen Spaziergang ein.

 

Schon seit langer Zeit fühlte ich mich zu einer Grotte hingezogen, die sich in den Felsen über mir öffnet. Der Zutritt schien mir nicht unmöglich. Ich weiß nicht, warum ich so lange zögerte, einmal dorthinauf zu gehen. Vielleicht fürchtete ich, ohne es mir einzugestehen, es gäbe irgendein verborgenes Geheimnis in dieser Höhle. Halb aus Zufall, halb aus bedachtem Plane entfloh ich nach dieser Seite. Das Herz schlug mir wohl ein wenig, als ich den Kopf beim Eingang vorstreckte; aber ich sah nur wirklich vollkommen Schönes. Ich nehme mir vor, wieder dorthin zu gehen.

 

Die Öffnung ist eng, aber die Grotte selbst geräumig wie ein hohes Gewölbe. Die Wände sind mit violetten Kristallen bewachsen; die einen sind sehr dick, die anderen fein wie Nadeln. Eine Quelle entspringt dem Fels, sie bildet im Hintergrund der Grotte einen kleinen See, dessen klares, durchsichtiges Wasser den Moosgrund sehen läßt. Einige Halme neigen ihre bunten Ähren über diesen Spiegel, ein Busch kleiner goldener Veilchen badet seine Blätter in dem murmelnden Bächlein.

 

Es scheint nicht, daß je ein Tier in dieser verzauberten Höhle Wohnung nahm. Wenn jemand sie bewohnt, so kann es nur ein Berggeist sein. Das Wasser ist durchsichtiger als die Perlen des Taues, und es besitzt einen kristallnen Geschmack, wie es andere Wasser nicht haben. Ich tauchte nur meine Lippenspitzen ein; ich hatte Furcht, es zu beschmutzen. Die zurückfallenden Tropfen ließen das Gewölbe seltsam erklingen.

 

Ich erwartete den Abend am Eingang der Grotte und betrachtete die Welt zu meinen Füßen. Die Lebhaftigkeit unter den Murmeltieren des Tales war groß. Auf meiner Terrasse war man in tiefer Trauer; anderswo spielte und erlustigte man sich auf den blühenden Wiesen. Der Liebesmond beginnt. Und ich, ich dachte an die unbekannte Hand, die diese Kristalle gebildet. Es wird noch manches Mysterium in der Natur geben, wenn ich einmal das Geheimnis der Murmeltiere und ihrer Langen Nacht gelöst habe.

Zweiter Tag

M.03.02.01.02 / M.177

Die Nachricht vom Trauerfall meiner Nachbarin hat sich im ganzen Tal verbreitet. Die Besuche strömen herbei. Alle Murmeltiere aus der Umgegend kommen, um ihr die üblichen Beileidsbezeugungen zu erweisen. Es ist dies eine Förmlichkeit, der ich mich nicht entziehen kann. Ich werde als letzter gehen.

 

Was werde ich während dieses langen Sommers tun? Ich stelle Reisepläne zusammen. Ich möchte die Welt durchwandern, aber nicht allein. Es ist nicht etwa, daß die Einsamkeit mich drückt, im Gegenteil. Aber es ist so angenehm auf der Reise, die Langeweile des Weges durch angemessene Plaudereien abzukürzen. Meine allzu kurze Verbindung mit dem Schneehasen ließ mich an der Freundschaft Geschmack finden. Ich werde sicherlich wieder einen anderen finden, der mit mir über die Schönheiten des Winters redet. Der Hase vom letzten Herbst, ein Bruder des Verstorbenen, wie ich glaube, muß nicht weit weg wohnen.

 

Meine erste Reise gilt der Dent Noire. Das Unterfangen ist ernst, aber ich habe die Route geprüft, zu zweien werden wir sie erreichen. Man muß von der Dent Noire noch weiter sehen können als von der Becca de l’Oura. Wenn wir dort oben sind, werden wir das Ziel der zweiten Reise festsetzen. Die Welt lockt mich.

Dritter Tag

M.03.02.01.03 / M.178

Diesen Morgen, nach einem frugalen Frühstück feinster Bergblumen, machte ich mich auf die Suche nach dem Schneehasen. Mein Weg ging so nahe am Bau meiner Nachbarin vorbei, daß ich nicht darauf verzichten konnte, ihr die Tröstungen der Philosophie darzubringen. Sie schien sichtlich überrascht, sie erwartete meinen Besuch nicht. Ich fand sie in Tränen aufgelöst. Sie hatte die ganze Nacht hindurch geweint. Das hinderte sie aber nicht, meine Reden anzuhören und darauf allerlei weise Dinge zu antworten. Ich bereue, bei mehr als einer Gelegenheit schlecht von ihr gesprochen zu haben. Ich hatte sie mit voreingenommenen Augen betrachtet. Ich tat unrecht daran. Die erste Pflicht des Philosophen ist, gerecht zu sein. Ich nehme alles zurück und widerrufe feierlich, was ich je Abfälliges über sie sagte. Sie ist ohne Zweifel nicht mehr jung, aber sie trägt ihr Alter leicht. Sie hat ein ansprechendes Äußeres und einen tadellosen Wuchs. Sie beweist eine gute Haltung in ihrer Trauer und bewundert die Philosophie. Sie sagte es mir selbst.

 

Ich fand den Schneehasen nicht.

Vierter Tag

M.03.02.01.04 / M.179

Ich weiß nicht, was aus diesem Schneehasen geworden ist. Ich suchte ihn von neuem vergeblich. Es stimmt allerdings, daß ich nicht mehr viel Lust dazu habe. Diese große Trauer hat mich erschüttert.

Fünfter Tag

M.03.02.01.05 / M.180

Ich rannte den ganzen Tag in der Gegend herum. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Ich fühle mich nirgends wohl. Eine Idee durchzuckt mein Gehirn, die mich gänzlich aufwühlt…

 

Übler Mond!

Sechster Tag

M.03.02.01.06 / M.181

Ich muß, welche Scham ich auch dabei empfinde, ein Geständnis ohne Umschweife ablegen. Dieser Morgen fand mich vor der Tür meiner Nachbarin. Ich trat ein. Ich hatte nicht die Absicht, hinzugehen; ich weiß nicht, was mich dazu trieb. Einmal drin, wußte ich nicht was sagen. Sie war gütig genug, meiner Ungeschicktheit zu Hilfe zu kommen, und alles ging gut. Sie vergoß immer noch Tränen, und ich weinte mit ihr. Sie sagte mir, daß ihr das gut täte. Ich fragte sie auch, ob sie keine Angst vor meinem Halsband habe. Sie sagte nein. Sie liebe das Außergewöhnliche.

 

Nach dem Besuch ging ich zur Grotte hinauf und verbrachte dort den größten Teil des Tages in tiefem Nachdenken.

 

Ist es schwerer, zu zweit oder allein zu philosophieren, verheiratet oder als Junggeselle?

 

Das ist die Frage, die ich mir stellte. Sie verdient sehr genau geprüft zu werden.

 

Zu zweien kompliziert sich der Haushalt, besonders, wenn man ganz kleine Kinder hat. Die Zeit, die man durch sie verliert, ist nicht das wesentlichste; es bleibt immer noch genug übrig. Was man befürchten muß, sind diese ablenkenden Zerstreuungen. Statt an die Weisheit zu denken, denkt man an seine Frau. Die Mehrzahl der Murmeltiere besitzt keine genügend große Seele; es findet bei ihnen nur eines dieser Gefühle Raum.

 

Anderseits taugt die fortgesetzte Einsamkeit nichts, selbst für den Philosophen. Auf die Länge drückt sie auf die Gedanken. Darum spürte ich wahrscheinlich schon voriges Jahr und dieses Jahr von neuem den Wunsch nach einer Freundschaft. Man muß reden, um zu denken; man muß such aussprechen können. Man kann wohl allein mit sich selbst sprechen; aber es geschieht dann oft, daß man such zu verstehen glaubt, bevor man sich wirklich vestanden hat, und daß ein Gedanke in Träumereien ausartet. Dies ist nicht möglich, wenn man gemeinsam mit einem Freunde forscht. Vier Augen sehen übrigens mehr als zwei, und zwei Köpfe leisten mehr Arbeit als einer. Dabei ermutigt mann sich und hilft sich noch gegenseitig; oft teilt man sich in die Aufgabe. Es gibt Forschungen, für die man zu zweit sein muß.

 

Aber die wichtigste Frage ist die, ob es besser sei, mit einem Freund oder mit einer Frau zu philosophieren.

 

Die Freundschaft basiert auf einer gewissen Ruhe, die der Erforschung der Weisheit zweifellos zuträglich ist. Die Freundschaft kennt weder die Stürme der Leidenschaft noch die Verwirrung der Sinne. Sie ist eine Bindung, die lediglich die Seelen eint. Diese Argumente sind gewiß sehr stark; aber man wendet andererseits nicht ohne Grund ein, daß es keine vollkommene Vertraulichkeit außerhalb der Ehe gäbe.

 

Was die Freunde anbetrifft, so wäre es vielleicht am besten, einen Murmeltierfreund zu haben. Aber dies ist außerordentlich schwierig. Alle Murmeltiere, die ich kannte, waren durch das häusliche Leben vollauf in Anspruch genommen. Wenn es welche gibt, die die Weisheit pflegen, so tun sie es im Geheimen. Die Mehrzahl gleitet über das Leben hin. Sie lieben und spielen. Ich wüßte wahrlich nicht, wo ich einen Murmeltierfreund finden sollte.

 

Die Erfahrung des letzten Jahres beweist mir, daß eine Freundschaftsbeziehung mit einem Schneehasen nicht unmöglich ist. Dennoch wurden wir beide mehr als einmal daran erinnert, daß er Hase war und ich Murmeltier. Die Naturtriebe der beiden Rassen sind eben verschieden. Die Abneigung, die ihnen unsere Erdbaue einflößen, ist seltsam, und sie begreifen nichts von dem kalten Schreck, der unsere fröstelnde Rasse allein schon beim Gedanken an ein Hasenlager durchfährt. Hätten wir und jemals ganz verstanden? Man muß daran zweifeln. Wie hätten wir es beispielsweise angestellt, um zusammen die Lange Nacht zu verbringen? Was wäre aus mir in seinem Lager geworden? Was ist überhaupt so ein Lager? Diese Nester im Heu gehen ja noch an. Aber hätte ich auf seine Hilfe rechnen können im Kampf gegen den Schlaf? Hätte er sich nie über meine Schwächen lustig gemacht?

 

Eine getreue Gattin, die die Weisheit ebensosehr oder noch mehr als ihren Gatten liebt, wäre die sicherste Hilfe für die Lange Nacht. Man könnte mit ihr alles besprechen und alles vorbereiten; man wäre sicher, verstanden zu werden. Wenn ich hieran denke, so ergreift mich eine Ekstase. Wir würden uns gegenseitig ermutigen. Wenn sie schwach wäre, würde ich sie trösten, und wenn mein Kopf such müde senkte, so würde die ihn durch eine Liebkosung ihrer Pfote wieder aufrichten. Vielleicht würden wir auch vereinbaren, abwechslungsweise Wache zu halten. Wenn sie sich schläfrig fühlt, würde sie mich wecken. Das wäre besser als Stechpalmenblätter.

 

Man muß nichts überstürzen. Denken wir nach; wägen wir das Für und Wider ab. Wie immer auch meine Entscheidung sei, ich will sie als Philosoph fällen.

Siebenter Tag

M.03.02.01.07a / M.182

Was hat eigentlich dieses junge Murmeltier, das ich in der Nachbarschaft herumstreifen sah, hier verloren? Es ist ja noch nicht einmal trocken hinter den Ohren. Sollte es etwa wagen, einem Philosophen ins Gehege zu kommen?

Am selben Tag

M.03.02.01.07b / M.183

Ich habe alles überdacht.

 

Die ideale Lösung ist, eine Frau und einen Freund zu haben, und die Philosophie zu dreien zu pflegen.

 

Ich werde also, sobald die Trauertage vorbei sind, zu meiner schönen Witwe gehen und ihr sagen:

 

“Sie sind es, Madame, die ich nach der Philosophie auf dieser Welt am meisten liebe. Wenn Sie mich auch ein wenig liebten, könnten wir zusammen die Weisheit suchen, aber nur unter der Bedingung, daß auch Sie die Weisheit lieben, ja daß Sie sie glühender lieber, als Sie jemals Ihren Gatten lieben werden.”

 

Der wichtigste Grundsatz aller Weisheit ist, die Reihenfolge der Zuneigungen einzuhalten.

 

Wenn sie mich ein wenig liebt, und wenn sie die Philosophie sehr liebt, werden wir uns heiraten und danach trachten, einen Schneehasen zum Freund zu haben.

Am selben Tag

M.03.02.01.07c / M.184

Es erfaßt mich eine unverständliche Wut beim Gedanken an diesen grünen Don Juan, den ich beim Sinken des Tages wieder sah. Es gibt keinen Zweifel mehr, er hat seine Augen auf sie geworfen. Er wartet nur auf das Ende der Trauerzeit, um sich zu erklären. Wir werden ja sehen, wer Erfolg haben wird.

Erstes Viertel

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Erster Tag

M.03.02.02.01a / M.185

Je mehr ich darüber nachdenke, desto überzeugter bin ich, daß ich meine Entscheidung als Philosoph gefällt habe. Es ist wahr, daß diese junge Witwe mein Herz gerührt hat. Ich sah sie so aufrichtige Tränen vergießen. Warum sollte ich mich gegen natürliche Gefühle wehren? Die Philosophie verdammt sie nicht, sie verklärt sie und hebt sie ins Reine. Ich bin entschlossen, sie nur zu heiraten, wenn sie wie ich die Weisheit mehr als alles in der Welt liebt. Ich schließe also eine Vernunftehe. Ich breche mein Gelübde nicht, sondern ich erfülle es. Mit diesem Gefühl gehe ich erhobenen Hauptes und ruhigen Gewissens. Ich fühle mich mehr Philosoph als je zuvor.

Am selben Tag

M.03.02.02.01b / M.186

Zu denken, daß sie den andern vielleicht bevorzugen ist! Sie hat mir wohl erklärt, daß sie die Wissenschaft bewundere. Aber traut den Frauen!... Er hat ein feines Fell. Er ist noch nicht aufgerieben und zerrissen von den Dornen des Lebens. Er hat einen gekräuselten Schnurrbart, ein lebhaftes Auge, schwarzes Haar… Genug! Es gibt keinen Vergleich zwischen mir und diesem Kerl. Wenn sie eine Philosophin ist, wird sie nicht zögern. Wenn sie es nicht ist… Auf jeden Fall wird sie sich durch ihre Entscheidung selbst richten.

Zweiter Tag

M.03.02.02.02 / M.187

Die Trauerzeit für einen Ehegatten beträgt acht volle Tage nach dem Tag des Todes. Die ihrige endet also heute abend. Morgen werden mich die ersten Lichter der Dämmerung vor ihrer Schwelle sehen. Diese Nacht wird für mich Jahrhunderte lang dauern. Es wird eine neue Art von Langer Nacht sein. Ach, wenn ich nur die Augen schließen könnte! Diesmal möchte ich schlafen. Ich werde alle Minuten, alle Sekunden dahinfließen fühlen.

 

Wenn sie ihm den Vorzug gäbe!

Dritter Tag

M.03.02.02.03 / M.188

Ich begab mich zu ihr beim ersten Tagesgrauen und sagte ihr folgendes:

 

“Verehrteste Dame, nach der Philosophie sind Sie es, die ich am meisten auf der Welt liebe.”

 

Sie schlug geschämig die Augen nieder. Ich schwieg einen Augenblick, damit sie sich vorbereiten konnte auf das, was folgen würde. Ich fuhr mit diesen Worten fort:

 

“Wenn Sie Ihrem ergebenen Diener Beachtung schenken können, so werden wir zusammen nach der Weisheit suchen. Aber sie muß Ihre hauptsächlichste Leidenschaft sein, und Sie müssen mich ihretwegen heiraten, wie es auch um der Weisheit willen ist, daß ich Sie zu heiraten wünsche.”

 

Ich sprach mit nachdrücklicher Stimme in demütiger Haltung. Sie hielt die Augen immer noch gesenkt. Als sie den Mund öffnete, kamen Worte von ihren Lippen, die für ewig in mein Herz eingegraben sein werden.

 

“Ich habe meinen Gatten acht Tage beweint, wie es sich geziemt für eine treue Gattin. Wenn Sie nicht wären, würde ich ihn immer noch beweinen. Sie allein können mich trösten.”

 

“Und die Philosophie, Madame, die Philosophie?”

 

Sie erhob die Augen mit einem ganz göttlichen Lächeln. Sie allein besitzt ein solches Lächeln.

 

“Ich mache keinen Unterschied zwischen Ihnen und der Philosophie. Ich liebe Sie nicht mehr als sie, ich liebe sie nicht mehr als Sie. Sie sind meine Philosophie, und meine Philosophie sind Sie.”

 

Diese Antwort erschien mir tief. Während ich mich darüber nachdachte, lagen wir und schon gegenseitig in den Armen.

 

Beim Weggehen begegnete ich dem blutjungen Kerl. War der geschniegelt, gekämmt und aufgeputzt! Meine Nachbarin… was sage ich?... meine Braut, meine junge und schöne Braut, warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. Sie ist ja so gut! Er verstand und zog sich zurück.

 

Armer Kerl, auch ich habe Mitleid mit ihm.

Vierter Tag

M.03.02.02.04 / M.189

Meine Braut verlangt, daß die Hochzeit am Vorabend des Vollmondes stattfinde. Dies sei ein glückbringender Tag, sagt sie. Und es lebt ja auch noch ihre Mutter, die schon sehr alt ist. Sie will sie besuchen gehen und ihr diese drei Tage widmen.

 

Wie werde ich diese Wartezeit überleben?

Fünfter Tag

M.03.02.02.05 / M.190

Sie ist fort, und ich warte auf sie, allein mit meinem Halsband. Ich erleide alle Qualen der Unruhe und der Eifersucht. Wenn ihr ein Unglück zustieße? Die Menschen!... die Hunde!... der Geier!... Wenn sie nicht mehr zurückkäme? Wenn ein anderer… Oh, ihr Götter, wacht über sie und habt Mitleid mit mir.

 

Ich glaubte mich nicht mehr einer so starken Liebe fähig. Meine Geduld unterliegt einer furchtbaren Probe.

Vollmond

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Erster Tag

M.03.02.03.01 / M.191

Sie ist zurückgekehrt! Der schönste Tag meines Lebens ist vorüber. Es werden andere folgen, die nicht weniger schön sein werden.

Zweiter Tag

M.03.02.03.02 / M.192

Ich mache eine bittere Entdeckung.

 

Meine Frau bewundert in der Tat die Philosophie. Aber ihre Philosophie ist eine andere als die meine.

 

Ich liebe meine Frau deswegen nicht weniger; sie ist deswegen nicht weniger vollkommen. Aber es bleibt eine Wunde in meinem Herzen, die ich vor ihr verstecke, um ihr keinen Kummer zu bereiten.

Dritter Tag

M.03.02.03.03 / M.193

Nach meiner Frau ist uns die Vernunft nicht gegeben worden, um unnütze Wissenschaften zu pflegen, sondern um uns selbst zu beherrschen. Nun ist der erste Grundsatz der Selbstbeherrschung, sich nicht mit unfruchtbaren Gedanken zu quälen.

 

Es gibt zwei Dinge, sagt sie: der Gedanke und das Leben. Sie sind scheinbar für einander geschaffen. In Wirklichkeit haben sie nichts Gemeinsames. Man muß wählen. Sie hat gewählt, ich habe gewählt, und wir haben nicht dieselbe Wahl getroffen.

 

Ich werde wiederum allein sein zu den Wachen in der Langen Nacht.

Fünfter Tag

M.03.02.03.05 / M.194

Ich machte gestern einen Versuch, meine Frau zu bekehren. Ich zweifle am Gelingen.

 

Meine Frau spottet über die Lange Nacht, über den Winter und die Geheimnisse unseres Schlafes. Sie behandelt meine Studien als Hirngespinste und meine Überlegungen als unzeitgemäße Merkwürdigkeiten.

 

“Du willst den Schlaf beobachten”, sagte sie mir. “Die Idee ist nicht neu, aber sie führt zu nichts. Um es richtig zu machen, müßte man ihn an sich selbst beobachten, denn bei den andern könnte man nur die Äußerlichkeiten und die Erscheinungsformen des Schlafes betrachten. Man müßte sich schlafen fühlen, das heißt, man müßte zugleich schlafen und nicht schlafen.”

 

Ich muß gestehen, daß ich sprachlos war, als ich diese Dinge hörte. Meine Frau hat das Talent, mir solche Vernunftschlüße ins Gesicht zu schleudern, die mich mit einem Schlag aus der Fassung bringen. Ich weiß nicht, wo sie sie hernimmt. Sie hat über nichts nachgedacht, sie macht sich eine Ehre, einen Sport daraus, grundsätzlich über nichts nachzudenken, und doch berührt sie kein Thema, ohne reizende und neue Ausblicke zu finden. Meine Frau besitzt geistige Qualitäten. Ihre Beredsamkeit ist ansteckend. Seit fünf Tagen bin ich verheiratet und ich frage mich schon, ob die ganze Philosophie nicht etwa ein Schwindel sei.

 

Ich ging dennoch wieder zum Angriff über und legte dar, daß die Beobachtungen der Schlaferscheinungen keine so wertlose Sache seien, und daß es für uns theoretisch und praktisch sehr wichtig sei, zwischen den zwei Arten des Schlafes zu unterscheiden, zu wissen, welches die Ursachen des Schlafes der Langen Nacht sind, und bis zu welchem Grade der Unempfindlichkeit sie uns bringen kann.

 

Meine Frau geht mit mir darin einig, aber um mit dem nächsten Satz alsogleich die Möglichkeit jeder nutzbringenden Beobachtung des Schlafes der Langen Nacht zu leugnen.

 

“Man kann”, sagte sie, “an andern den gewöhnlichen Schlaf beobachten, weil es ein individueller Schlaf ist und er uns nicht alle zu gleicher Zeit überfällt. Die Ursache, die ihn hervorbringt, wechselt in der Intensität nach einer Menge von Umständen, und wir können ihn fast nach Gutdünken aufschieben oder verzögern. Der Schlaf der Langen Nacht gleicht ihm nicht. Er ist ein Rassenschlaf. Et trifft uns alle zugleich und mit einer Wucht, die bestimmt ist durch Ursachen, die unabhängig sind von uns. Der stärkste Wille kann ihn kaum um einige Momente verzögern, und er könnte uns in diesen wenigen Augenblicken kaum die nötige Geistesklarheit geben, die man zu jeder ernsthaften Beobachtung braucht. Was soll man von Leuten denken, die zu Dreivierteln schlafen, und damit beschäftigt sind, andere zu beobachten, die schon gänzlich schlafen? Eine schöne Philosophie, die Stechpalmenblätter nötig hat, um sich wach zu halten. Und wer sagt dir, daß diese genügen? Der Schneehase hatte recht, mein Freund! Die Natur besitzt ihre Verhängnisse. Wenn es geschrieben steht, daß uns bei einer Kälte der Schlaf überfallen muß, so werden wir vergebens versuchen, wach zu bleiben, Auch das Wasser hat seinen Punkt, wo es gefriert. Wenn du länger gewacht hast als die andern im letzten Herbst, so ist es nur, weil es in deinem Bau, der tiefer unten lag, warmer war; aber sobald du dich unter den gleichen Lebensbedingungen befandst wie die andern, bist du wie sie vom Schlaf gepackt worden; und deine ganze Wissenschaft reichte nicht einmal dazu hin, dich zu erinnern, wie du neben den rechtmäßigen Einwohnern der Behausung eingeschlafen bist, die du als vagabundierender Philosoph aufgrebrochen hast.”

 

Als meine Frau geendet hatte, fragte ich sie, wo sie die Zeit hernähme, um an so viele Dinge zu denken, da sie sich doch eine Ehre daraus mache, so wenig wie möglich zu denken. Sie antwortete mir, daß ich sehr dünkelhaft sei, wenn ich glaubte, der einzige in seiner Art zu sein, der einige Folgerichtigkeiten in seinen Gedanken besitzt und unnützerweise über die Probleme des Daseins nachdenkt. Sie behauptet, daß die Murmeltiere von Natur aus ihren Geist zur Beschauung hinwendeten, daß sie in früheren Zeiten viel philosophiert hätten, daß sie noch in ihrer Jugend philosophieren, und daß es die Erfahrungen des Lebens und die Enttäuschungen der Wissenschaft seien, die ihren Geist ernüchtert hätten. Ich sei nichts weiter als naiv geblieben, sagte sie, ich hätte nicht wahrhaft gelebt; mein Aufenthalt bei den Menschen hätte den gewöhnlichen Verlauf meines Lebens gestört, und wenn ich in meinem Alter noch philosophiere, so sei dies ein Überrest von Kindlichkeit.

 

Das Wort Kindlichkeit schien mir stark. Ich wollte protestieren, aber sie ließ sich nicht unterbrechen. Die Worte flossen reichlicher und ungestümer aus ihrem Munde als die Wellen des Wildbachs, der im Talgrunde donnert.

 

“Ja”, rief sie aus, “es ist ein Überrest von Kindlichkeit. Was ist denn diese Furcht vor dem Schlaf der Langen Nacht? Die Natur will diesen Schlaf. Ich vertraue mich der Natur an. Alles, was sie tut, ist wohlgetan. Und wenn es wahr wäre, daß sie sich irrt, so könnten wir sie doch nicht verbessern. Hierin liegt die Nichtigkeit deiner Philosophie. Sie will immer die Natur korrigieren und kann es nicht. Was kann es uns kümmern, was sich während unseres Schlafes ereignet? Sind wir vielleicht mehr in Sicherheit, wenn wir wachen? War mein letzer verstorbener Gatte nicht schäkernd mir zur Seite, am ersten Tage des Liebedmonds, als der Tod ihn fällte? Die Menschen, sagst du, hätten sich deiner bemächtigt, als du schliefst? Haben sie nie ein Murmeltier während der Hitze des Sommers gefangen? Du willst wissen, was der Winter ist? Krankhafte Neugierde! Winter ist Winter. Was geht mich das Glitzern einiger Schneekörnchen an und die Majestät der Stille, die der geringste Windhauch stören kann? Die Schönheit des Winters besteht für mich darin, tief zu schlafen an der Seite meines Gatten und meiner Kinder. Glücklich die Rassen, die schlafen können! Siehst du nicht, daß diese Hasen, die niemals schlafen, die melancholischsten aller Bergtiere sind? Sie sind traurig, weil sie von der Philosophie leben. Der Instinkt der Natur, die nicht will, daß die Rassen zugrunden gehen, läßt sie sich gegenseitig im Frühling aufsuchen. Aber was wissen sie sonst voneinander? Kennen sie sich auch nur? Sie kennen die Philosophie. Traurige Philosophie, die aus einem lebendigen Tier einen egoistischen Träumer macht! Der Schlaf fördert die Lebensfreude. Es ist mehr Freude bei einem einzigen schlafenden Murmeltier als bei zehn wachenden Hasen. Du suchst Rätsel! Wozu sie in die Ferne verlegen? Ist nicht alles Geheimnis in und um uns? Wirst du auf einer höheren Stufe stehen, wenn du weißt, wie viele Monde die Lange Nacht dauert? Man will, daß sie sechs Monde währt. Gut! Sechs Monde Ruhe sind nicht zuviel, um sich von sechs Monden Bewegung zu erholen. Das große Geheimnis ist die Natur, die alle andern Rätsel in sich begreift. Wir wissen nicht, was die Natur ist; aber wer immer seine Ohren nicht verstopft, hört ihre Stimme. Ich vernehme sie deutlich und ich folge ihr. Sie befiehlt mir, sich zu lieben, und ich liebe dich: dies ist meine Philosophie.”

 

So sprach meine Frau, und es schien, als ob ihre Reden kein Ende finden könnten. Als sie diese letzten Worte aussprach, warf sie sich in meine Arme, die sich offen fanden, und drückte mich mit einer so außerordentlichen Kraft an sich, daß ich fast ohnmächtig wurde. Ich könnte nicht sagen, ob diese lange Unterhaltung mir Kummer oder Freude bereitet hat. Das eine und andere vielleicht. Meine Frau ist bewundernswert. Sie ist mir unendlich überlegen. Vielleicht hat sie das besser Teil erwählt. Warum haben wir nicht das gleiche gewählt?

Sechster Tag

M.03.02.03.06 / M.195

Ich führte meine Frau zur Grotte. Ich versprach mir viel davon; aber sie ist wenig wanderlustig und fand, daß die Müdigkeit das Vergnügen überwiege. Sie hatte nichts Eiligeres zu tun bei der Ankunft, als Veilchen zu fressen und in großen Schlucken zu trinken.

 

Diese Kristalle sagen ihr nichts. Ein guter Bau, vollgestopft mit Heu, dazu einen unartigen Gatten, den man liebt und den man quält: das gefällt ihr mehr als alle Grotten der Welt.

Siebenter Tag

M.03.02.03.07 / M.196

Ich sprach ziemlich ungebührlich über Meister Dachs und seine Ansicht, daß wir vor lauter Fett schlafen. Meine Frau packt diese Idee im Sprung und legte sie nach ihrer Art aus.

 

Sie glaubt, daß das Leben aus regelmäßigen Abwechslungen besteht und sozusagen rhythmisch abgestuft ist zwischen Wachen und Schlafen. Es gleicht den Pulsschlägen des Herzens oder den Wellen an der Oberfläche des Wassers. Während des Wachens verwenden wir unsere Kräfte und bereichern uns mit ihren Erträgnissen; während des Schlafes geben wir die Reichtümer der wachen Tage aus; wir magern ab, aber wir erwachen munterer. Die verlorene Fülle hat sich in neue Kräfte verwandelt. Darum muß der, der mehr wacht, auch mehr schlafen. Die Ruhe gleicht sich der Bewegung an. Lebenshungrige Rassen sind zugleich auch schläfrigen Rassen. Es gibt übrigens eine ganze Rangordnung des Schlafes: der individuelle Schlaf der gewöhnlichen Nächte; der tiefere Schlaf der Langen Nacht, der gewissen, bevorzugten Rassen vorbehalten bleibt, und endlich der noch tiefere Schlaf des Todes, der allen Lebewesen gemeinsam ist außer den Göttern. Vielleicht gibt es noch einen längeren und tieferen Schlaf, dem selbst die Götter unterworfen sind.

 

Meine Frau begeisterte sich, als sie von der tiefen Wollust dieser immer vollständigeren Ruhe sprach, der ein tatenvolles Leben vorausgeht. Es schien beim Zuhören, also ob sie selbst von jedem dieser Schlafe gekostet hätte.

Letztes Viertel

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Erster Tag

M.03.02.04.01 / M.197

Meine Frau irrt, wenn sie sich etwas auf ihre Philosophie einbildet; sie ist keineswegs Philosophin, sie ist Dichterin. Sie fördert Ideen zutage, wie die Pflanze Blumen hervorbringt, nur rascher und reichlicher. Sie glaubt nicht an ihre Folgerungen, sie zweifelt aber auch nicht daran. Sie produziert sie, und das genügt ihr.

 

Daher kommt es, daß sie mich immer in den Redeschlachten besiegt. Sie hat vier Ideen, während ich nur eine einzige habe. Daher kommt auch, daß keine ihrer Ideen in Ruhe reift. Es sind Funken, die aufglühen und verlöschen. Es liegt mehr Philosophie in zwei vertieften, abgewogenen, der Wirklichkeit gegenübergestellten Gedanken als in hundert Ideen, die durch das Spiel der Phantasie in den Wind geworfen werden. Die Philosophie ist eine Zucht. Der Geist meiner Frau kennt keine Zucht.

 

Dies erinnert mich an mein Ideal, die Weisheit zu dreien zu suchen, mit einer Frau und einem Freund. Die Götter erlauben nicht, daß mir dies Glück gänzlich beschieden sei. Aber wenn sie mir einen Teil verweigert haben, so ist dies kein Grund, daß ich gänzlich verzichte.

 

Ich fühle immer mehr das Bedürfnis nach einem Freund.

Zweiter Tag

M.03.02.04.02 / M.198

Wir hatten in Muße gefrühstückt, hatten Anemonen und Soldanellen gespeist. Wir lagen in der Sonne auf einer sauberen und warmen Steinplatte, und ich schnurrte gemütlich mit halbgeschlossenen Augen, während meine Frau mit meinem Halsband spielte.

 

“Was für Scherereien man mit diesen Gatten hat, die an nichts glauben”, sagte sie und liebkoste mich mit der Pfote.

 

Ich schloß die Augen und antwortete wie im Traum:

 

“Und was für Scherereien mit diesen Frauchen, die immer glauben, daß sie an etwas glauben.”

 

Sie fuhr fort, mich mit der Pfote zu streicheln.

 

“Kann mir der Herr Philosoph vielleicht sagen, wieviel Kinder er bisher gehabt hat?”

 

Der Philosoph schnurrte, zählte an seinen Krallen und fand, was er ja längst wußte, daß er fünfmal Familienvater gewesen war und dreiundzwanzig Kinder gehabt hatte.

 

“Dreiundzwanzig!”, sagte die Schöne, “ich könnte dir noch abgeben; als fünfmalige Familienmutter habe ich zweiunddreißig Kinder aufgezogen.”

 

Bei dieser unerhörten Zahl hörte der Philosoph auf zu schnurren; er verspürte ein Beben, das ihn aufspringen ließ.

 

“Ja”, fuhr sie fort, “das beweist dir, daß deine Philosophie zu nichts führt. Leben heißt glauben und viel Kinder haben.”

 

Bei diesen Worten erhielt der Philosoph, der sich von neuem mit geschlossenen Augen liebkosen ließ, einen heftigen Klaps auf die Schnauze. Er erhob sich im Sprung.

 

Die Schöne spielte auf dem weichen Rasen hundert Schritte entfernt.

Dritter Tag

M.03.02.04.03 / M.199

Ich bereue, daß ich meine Frau bekehren wollte; jetzt will sie mich bekehren.

Vierter Tag

M.03.02.04.04 / M.200

All dies Gekritzel macht sie ungeduldig. Es sei Zeit, die ihr geraubt werde, sagt sie. Ich zeigte ihr, daß ich ihre Reden auf diesen Tafeln niederschrieb. Ich sagte, daß ich es tue, um die Erinnerung daran festzuhalten und um stets von neuem ihre Anmut und ihre Beredsamkeit bewundern zu können. Sie antwortete, daß sie stets zu meiner Verfügung stehe, und daß diese zu Stein erstarrte Beredsamkeit nicht an die lebendige Sprache heranreiche. Wenn die Quelle fließt, warum ihr Wasser zurückbehalten?

 

Ich wollte ihr einige Abschnitte dieses Tagesbuches vorlesen. Unnütz. Sie verachtet alles Geschriebene.

Fünfter Tag

M.03.02.04.05a / M.201

Die Ungeduld beginnt sie zu übermannen. Wohin wird uns das führen? O Götter, bewahrt mich davor, zwischen ihr und der Weisheit wählen zu müssen.

Am selben Tag

M.03.02.04.05b / M.202

Ich entschloß mich, meine Tafeln zu retten. Sie sind ihr verhaßt, und man weiß nicht, welche Absichten ihr der Haß einflößen könnte. Ich werde sie Stück für Stück in die Kristallgrotte tragen und sie dem Schutze der Gottheit, die sie bewohnt, empfehlen.

Sechster Tag

M.03.02.04.06 / M.203

Ich begann mit dem Wegschleppen meiner Tafeln. Es ist ein großes Unterfangen. Meine Frau spottet über mich.

E. Rambert: La marmotte au collier (1889)

übers. A. Graber: Das Murmeltier mit dem Halsband (1929)

The Marmot with the Collar
A Trilingual Edition

Part 03.02 (Deutsch)

Richard L. Hewitt
Kamuzu Academy, Malawi

2020